Placebo-Knopf gegen Kinderpornographie

jetzt-loeschen-Firefox-AddonAuf der CeBit stellte der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) einen »White-IT-Button« vor (ein Firefox-Addon), mit dem sich Kinderpornographie vom Benutzer melden läßt.

Man gibt sich modern: jetzt-loeschen.de steht unter einer CC-Lizenz, das Addon wird als Open source unter der GNU-Lizenz vertrieben, die Entwicklung über Sourceforge koordiniert: Strafverfolgung als einfacher und sympathischer Web-2.0-Mitmachdienst. Ob das ganze aber wirklich so anonym und sicher ist, darf bezweifelt werden.

Die Technik ist eher trivial (ich habe mir den Quellcode angesehen; entpackt man die xpi-Datei − ein ZIP-komprimiertes Archiv −, findet sich der Code in der Datei chrome/content/overlay.js; die einschlägigen Zeilen sind 1−3 und 63−76): per HTTP Post wird die URL an http://api.jetzt-loeschen.de/notifications/index.php geschickt; anonymisiert man also nicht selbst, werden die Daten völlig offen übertragen – IP-Adressen können damit mitgeloggt werden. Auf der Startseite wird der Dienst angepriesen als »anonym, schnell und völlig unkompliziert«. Was anonym heißt, findet sich nirgends. Interessant ist, daß im Google-Cache eine Seite jetzt-loeschen.de/datenschutz.html zu finden ist mit folgender Zusicherung:

Wenn Sie eine Seite an die Beschwerdestelle des eco e.V. durch das Add-On jetzt.löschen übermitteln, wird an einen für diesen Zweck eingerichteten Server bei der Bremer Kommunikationstechnik GmbH, Stolzenauer Straße 32, 28207 Bremen unter der Adresse api.jetzt-loeschen.de ausschließlich die zu meldende URL gesendet. Der Webserver unter der Adresse api.jetzt-loeschen.de erstellt keinerlei Protokolldateien, insbesondere zeichnet er keine IP Adressen auf. Damit ist gewährleistet, dass jede Meldung von Ihnen vollkommen anonym ist und keinerlei personenbezogene Daten gespeichert werden.

Mittlerweile ist die Seite datenschutz.html zwar noch verhanden, aber nicht mehr verlinkt und ohne Inhalt. Die Seite ist wieder online. Ein Klick auf den Meldeknopf im Browser verweist zusätzlich auf die Beschwerdeordnung des eco, die für Beschwerden Anonymität zusichert (§§ 7 und 8). Ruft man api.jetzt-loeschen.de im Browser auf, sieht man eine Seite, die Google Analytics benutzt und auch sonst nicht viel zu sagen hat über Datenschutz oder gar Anonymisierung.

Was das in der Praxis bedeutet, ist unklar. Im Moment wird nicht zugesichert, daß keine IP-Adressen von api.jetzt-loeschen.de gespeichert werden. (Zur Frage, ob IP-Adressen personenbezogene Daten sind, gibt es unterschiedliche Meinungen; die eco-Beschwerdeordnung kann also auch nicht eindeutig ausgelegt werden.) Nachdem vor kurzem vom OLG Hamburg bereits das Betrachten von Kinderpornographie im Browser als »Besitz« gewertet (wobei natürlich gilt OLG Hamburg + Internet = umstritten), sollte man es sich also gut überlegen, ob man (falls man denn tatsächlich versehentlich auf Kinderpornographie stößt) den Meldeknopf drückt − immerhin kann jede Übermittlung als Beweis dienen, daß Kinderpornographie erkannt und betrachtet wurde. (Wenn auch damit mutmaßlich dokumentiert ist, daß es nicht vorsätzlich passiert ist − aber will man sich darauf verlassen?)

Technisch ist das ganze also undurchsichtig mit Tendenz gefährlich.

Politisch hat Schünemann einen gelungenen PR-Stunt hingelegt: Das Märchen von der überall im Web zu findenden Kinderpornographie, über die man zufällig stolpert, wird nicht nur wieder einmal in die Medien gehoben. Wer sich den Warnbutton installiert, wird auch noch beständig an die angebliche Gefahr erinnert durch den dicken roten Feuermelder-Knopf neben der Adreßzeile. Über den Button wird »das Internet« als potentiell böse gekennzeichnet; jede Browserbenutzung ruft das in Erinnerung. Nebenbei generiert man eine große Anzahl an »false positives«, die sich auch werbewirksam einsetzen lassen: Schon so viele Tausend Kinderporno-Meldungen! Auch künstlich generierte Ermittlungsverfahren kommen in die Statistik (in die Presse sowieso), mit der man eine dramatische Gefahr konstruieren kann – und schon hat man das schönste Zensursula-Lynchmob-Klima, in dem sich Jugendschutzmedienstaatsverträge, Vorratsdatenspeicherung, Internetsperren und mehr durchsetzen lassen.

Ergänzung, 6. März 2010: Auch nicht schlecht: Die Zugriffsstatistiken liegen offen auf dem Server: jetzt-loeschen.de/log.html – bis eben keine 2500 Unique visitors, das Addon selbst wurde bis jetzt (19.30 Uhr) etwa 1500 Mal heruntergeladen.

Ergänzung, 8. März 2010: In den Kommentaren weist Otzenpunk auf eine alternative Strategie hin, der es nicht um eine künstlich hohe Zahl an Meldungen geht, sondern um eine durch das Verfahren wissentlich niedrig gehaltene:

Wer stößt schon zufällig im Netz auf Kinderpornografie? Ich bisher jedenfalls noch nie.

Nach einem Jahr beschwert man sich dann, dass “die Community” ja überhaupt keine Seiten meldet, und dass “Löschen statt Sperren” daher gescheitert sei.

2. Ergänzung, 8. März 2010: Und dann das noch: Sollte der Löschknopf eine böse Raubkopie des Originals vom BDK sein? (Danke an Jörg Heidrich für den Hinweis.)

Ergänzung, 12. März 2010: Beim AK Zensur gibt’s den praktischen Service Denunziator, sowohl manuell per Formular als als auch per Firefox-Addon. Im Wiki wird nochmal erklärt, was an derartigen Ideen problematisch ist.

Ergänzung, 7. April 2010: Das am 8. März erwähnte vorgebliche Original ist wieder in den Medien. Bei Netzpolitik.org wird die BDK-Idee eines Notrufknopfs im Netz nett kommentiert:

Das ist nun mal sein Stand der Technik: Ist man online geht das Telefon nicht.

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8 Gedanken zu „Placebo-Knopf gegen Kinderpornographie“

    1. Zur Strafbarkeit gehört noch der Vorsatz; so klar scheint mir der Fall nicht zu sein. »Pfoten weg« stimme ich trotzdem zu, um Verhältnismäßigkeit und gesunden Menschenverstand schert man sich sobald es um Kinderpornographie geht ja nicht mehr. Die Operation Himmel habe ich ja im Artikel schon verlinkt.

    1. Danke für den Hinweis, ich habe es im Artikel ergänzt. Jetzt muß man das dem Innenministerium nur noch glauben.

  1. >> Nebenbei generiert man eine große Anzahl an »false positives«, die sich auch werbewirksam einsetzen lassen: Schon so viele Tausend Kinderporno-Meldungen!

    Darum geht’s nicht. Eher umgekehrt. Wer stößt schon zufällig im Netz auf Kinderpornografie? Ich bisher jedenfalls noch nie.

    Nach einem Jahr beschwert man sich dann, dass „die Community“ ja überhaupt keine Seiten meldet, und dass „Löschen statt Sperren“ daher gescheitert sei.

    1. Guter Punkt – und damit ist das Ganze noch ausgefuchster: Entweder es wird viel gemeldet (false positives halte ich schon deshalb für wahrscheinlich, weil die Meldung so einfach ist und der Button so prominent plaziert ist), dann geht man vor wie von mir beschrieben, oder Dein Szenario tritt ein (die eher mauen Downloadzahlen und die eben nicht zufällig zu findende Kinderpornographie sprechen dafür). Und je nachdem, was gerade politisch opportun ist, kann man fast jede Zahl als »erschreckend groß« oder »erschreckende Kooperationsverweigerung der Community« deklarieren.

  2. Naja ich surfe gerne auf den sog. imageboards
    Der Humor ist böse, rassistisch, kindisch etc.
    aber manchmal kongenial. Ich bin schon vor
    lachen aus dem Stuhl gefallen.

    Da passiert es aber wirklich einmal dass Leute
    einen Channel mit solchen Bildern fluten oder
    ganz böse verkürzte URLs posten welche dann
    auf entsprechende Inhalte verlinken.
    (wobei der Titel natürlich was anderes ist)

    Dann hat man sowas auf dem Monitor und somit
    auf dem Rechner – und dann ist es mir allemal
    lieber sowas auch melden zu können.

    Hinzu kommt noch dass, die Community
    praktisch die einzige Kontrollinstanz ist…

    Mit freundlichen Grüßen

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