Der Preis der christlichen Leitkultur

Nein, es geht hier nicht um den Preis der christlichen Leitkultur, den diejenigen zu zahlen haben, die nicht dazugehören. Mir geht es um den Preis, den die christlichen Kirchen (das »jüdisch« in »jüdisch-christlich« ist bestenfalls Kosmetik) zu entrichten haben. Das Christentum gehört zu Deutschland – und zwar de jure und de facto anders und mehr als etwa der Islam zu Deutschland gehört. Nicht im Kontext einer Integrations- und Leitkulturdebatte, sondern auf rechtlicher Ebene: Staatliche Feiertage sind mit christlichem Namen und Termin installiert, trotz Verfassungsgericht macht sich der Staat das Kreuz zum Symbol in Klassenzimmern und Ämtern, das Staatskirchenrecht paßt sichtlich primär auf die rechtsförmige Organisation der christlichen Kirchen.

Diese rechtliche de-facto-Privilegierung des Christentums, diese christliche Leitkultur (noch einmal: »Leitkultur« hier als polemischer Begriff einer empirischen Beobachtung) korrespondiert natürlich mit gesellschaftlicher Prägung. Was eigentlich exklusiv und charakteristisch christlich ist, wird zum formgebenden Merkmal der gesamten Gesellschaft: Der Jahreskreis ist gestaltet durch christliche Feste, auch für Nichtchristen. Ostern als Frühlingsfest, Weihnachten als Winterfest, Nikolaus, Christkind, Engel ohne explizite christliche Ausdeutung als saisonale Symbole. Der christliche Ursprung läßt sich nicht verleugnen, ist aber aufgegangen in einer allgemein zugänglichen, gesamtgesellschaftlich verstandenen und akzeptierten Bildersprache – erst recht, wenn es um christianisierte Symbole wie Christbaum und Osterhasen geht.

Das rechtliche und gesellschaftliche Primat des Christentums wird mit Klauen und Zähnen verteidigt: Ob es das Kreuz in staatlichen Einrichtungen ist, ob es (die aktuelle Debatte:) Tanzverbote an Stillen Feiertagen sind, ob es die Deutungshoheit über Symbole ist (jedes Jahr die ewig gleiche besserwisserische Kampagne um den Nikolaus, der kein Weihnachtsmann ist, ganz aktuell Ostern, das kein Hasenfest sein soll). Das ist verständlich: Symbole sind wirkmächtig. Das ist aber auch ein sehr zwiespältiges Vorgehen: Einerseits wird auf die gesellschaftsprägende Deutehoheit, auf die Lufthoheit über den Gabentischen wertgelegt, wird ein Mitspracherecht und eine Regelungskompetenz der religiösen Sphäre in und durch die staatliche Sphäre eingefordert (darum geht es bei staatlich sanktionierten religiösen Bräuchen wie den Stillen Feiertagen), wird das Christliche als tragendes Fundament der Gesellschaft verteidigt und damit die rechtliche und zivilreligiöse Privilegierung des Christentums eingefordert und begründet. Andererseits aber wird die Konsequenz einer zur Leitkultur gewordenen Partikularkultur nicht erkannt.

Indem kulturelles Sondergut in die Allgemeinheit gegeben wird, wird eine Kontrolle durch die ursprüngliche Instanz illusorisch. Genau wie für andere Immaterialgüter gilt: Nur wer sie für sich behält, kann sie kontrollieren. Wie jedes Lied Teil der öffentlichen Sphäre wird und damit ständiger Reproduktion und Adaption ausgesetzt ist, wird auch eine kulturelle Praxis unkontrollierbarer Reproduktion und Adaption ausgesetzt. Ostern und Weihnachten, Nikolaus und Engel gehören nicht mehr den Christen oder gar den verfaßten Kirchen: Sie sind Teil des kulturellen Kapitals einer ganzen Gesellschaft geworden, ihre Bedeutung wird von der gesamten Gesellschaft, nicht nur ihres christlichen Teils, verhandelt und produziert. (Till Westermayer hat das in einem kurzen Artikel sehr schön dargelegt, den ich eigentlich schon in meinem ersten Tanzverbot-Artikel hätte zitieren sollen: »Als Atheist mache ich es mir da vielleicht zu einfach, aber ich nehme Ostern nicht als christliches Fest war. Sondern als säkularisierte (staatliche) Frühlingsfeiertage.«)

Die Argumentation (etwa von Christian Soeder in den Kommentaren zu meinem letzten Artikel, aber auch ausführlich in den Kommentaren zu Tills Artikel), daß christliche Feiertage im Paket eingekauft werden – also: entweder Feiertag nach den Vorstellungen der Kirchen oder gar kein Feiertag – greift zu kurz: Sonn- und Feiertage als Geschenk der Christen an die Welt (wie eine in Sachen Sonntagsschutz engagierte Katholikin mir einmal erklärt hat) verhalten sich tatsächlich wie Geschenke: Wie die Beschenkte damit umgeht, ist in der Hoheit der Beschenkten, und erst recht bei Immaterialgütern wie kulturellem Erbe. Um das Geschenk des freien Karfreitags und Ostermontags hat kein Nichtchrist gebeten, und mit den Folgen – etwa geschlossenen Läden – müssen alle gleichermaßen leben; daß auch die Atheistin den Ostermontag arbeitsfrei hat, obwohl sie ihn sich nicht durch den Karfreitag verdient hat, gar das freie Frühlingswochenende für ihre, gänzlich nichtchristliche Form der seelischen Erhebung verwendet hat, ist eine Konsequenz des staatlich durchgesetzten Feiertags. Wie könnte sie sich nicht dazu verhalten und es in ihre kulturelle und Lebenspraxis integrieren?

You can’t have the cake and eat it too (wieder Soeder, ebd., aber gerade umgekehrt) – der Preis einer christlichen Leitkultur ist eine Entkernung, eine Ent-Existenzialisierung, eine Profanisierung des Christlichen: So sehr das Christliche die Gesellschaft formt, so sehr werden die christlichen Sprachspiele, die christlichen Inhalte auch wieder gesellschaftlich geformt, umgeformt, überformt. Paradoxerweise verstehen das die christlichen Politiktreibenden (seien es Bischöfe, seien es Politiker im engeren Sinn) am wenigsten und müssen sich von säkularen Gerichten und frommen Muslimen erklären lassen, wie säkularisierend (und letzten Endes trivialisierend) eine Kulturalisierung des Christlichen ist.

(Peter Otten hebt dazu auch treffend hervor, daß bei aller Verteidigung rechtlicher Privilegien die theologische Argumentationsleistung der Christen für Feiertage schwach ist.)

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7 Gedanken zu „Der Preis der christlichen Leitkultur“

  1. Nabend,

    ein interessanter Aspekt, an den ich so noch gar nicht gedacht habe. Ich kann dir aber nur zustimmen. Wir „Beschenkte“ entscheiden am Ende, wie wir mit den Geschenken umgehen. Leider hat die Politik allgemein noch nicht gemerkt, was da am Ende passiert.

    Schade finde ich die Tatsache, dass über das Tanzverbot immer nur an Karfreitag diskutiert wird. Das ist ein Thema, das über das ganze Jahr hinweg diskutiert werden sollte. Sonst wird das leider nie abgeschafft.

    Schöne Grüße
    Johannes

  2. Die Feiertage mit all ihren von unserer Freizeitgesellschaft geschätzten Folgen sind keine „Geschenke der Christen an die Welt“, sondern Geschenke des Staates, und auch nicht an die Welt, sondern an die eigenen Bürger bzw. die sich im Lande sonst so Aufhaltenden.

    Leider hat niemand das Recht, mit diesem „Geschenk“ nach Belieben zu verfahren. Das betrifft nicht nur den eher zu vernachlässigenden Fall von Tanzverboten zu ganz bestimmten Feiertagen, sondern vor allem den viel relevanteren und für alle Feiertage geltenden des Verbots, gewerblich tätig zu werden bzw. sich mit Gütern und Dienstleistungen zu versorgen.

    Daran, wie selektiv sich der Protest gegen Feiertagsregelungen erhebt, lässt sich zum Teil die Ernsthaftigkeit manch hehrer, das Verhältnis von Kirche und Staat betreffender Argumente ermessen.

    Christian Söder hat also völlig Recht: Wer A wie Tanzverbot sagt, muss auch B wie Verbot der Berufsausübung sagen. Wenn er konsequent bleiben will und nicht nur den Willen, 24/7/365 vor allem seinen Spaß haben zu können, mit Höherem verbrämen möchte.

  3. Interessante Betrachtungen, aber obsolet. Der Autor übersieht, das die Mehrheit der Menschen in Deutschland längst den Konflikt Christentum vs. Atheismus („ich glaube das es keinen Gott gibt“) hinter sich gelassen haben und eine fast buddistische Gleichgültigkeit in dieser Frage „Gott oder kein Gott“ an den Tag legen.
    Die Feiertage haben ihre primäre Bedeutung darin, i.d.R. arbeitsfrei zu sein (und werden deshalb im Zweifel bis aufs Blut verteidigt). Ansonsten dominiert die heidnische Symbolik (Tanne, Hase) klar die christlichen Botschaften.
    Dass anachronistische Traditionen wie das Tanzverbot formal noch Bestand haben, liegt vor allen daran, dass die Mehrheit der Menschen nicht tanzen will. Faktisch wird es vielerorts (ohne Bohei und Diskussionen) längst unterlaufen.
    Spannend bleibt, wie eine längst materialisierte / säkularisierte Gesellschaft mit der Forderung religiöser Minderheiten auf Gleichberechtigung mit der traditionellen religiösen Minderheit umgeht.
    Es bleibt spannend!

  4. Wenn man die Feiertage als Geschenke an die Welt, beziehungsweise an die Bürger bezeichnen will so müsste man natürlich davon ausgehen, dass der Beschenkte die Wahl hat wie er mit dem Geschenk umgeht.
    Allerdings werden an die Geschenke hier Bedingungen geknüpft ob sie nun vom Staat oder von der Kirche gemacht werden. Die Geschenke dienen inzwischen einem Zweck, den sie vermutlich ursprünglich noch nicht inne hatten. Es handelt sich um einen Misbrauch dieser Geschenke und man könnte daher fast von Bestechung oder Erpressung sprechen.

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