Jüdisch-christliche Zivilreligion

Ostern kommt, und wie Ostern nicht ohne Karfreitag geht, geht auch wieder die Frage nach den stillen Feiertagen um. Und es geht um alles:

»Unser christlich-jüdisch geprägtes Werteverständnis stellt das Fundament unserer abendländischen Gesellschaft in Deutschland dar […] Der Karfreitag ist als christlicher Feiertag dem Gedenken an das Leiden und die Kreuzigung Jesu Christi gewidmet, […] und dies verträgt sich nicht mit lautem Feiern«, so der Frankfurter Kirchendezernent Uwe Becker.

Was hier verteidigt wird, ist keineswegs ein solides Wertfundament. Als Trittbrettfahrer des Religiösen werden leitkulturelle Chiffren verhandelt: Wir und die, und »wir« sind ermächtigt, »unsere« Wertentscheidungen politisch durchzusetzen.

Natürlich kann man die Privilegierung einer bestimmten Religion säkularistisch und generell religionskritisch kritisieren; diese Kritik ist aber auch von einer religionsfreundlichen (in meinem Fall auch: religiösen) Warte möglich: nicht der Staat wird getauft: Die Religion wird zur bloßen Legitimationsfiktion des Staates – und zwar eines ausgrenzenden Staates, der sich nicht um die Freiheit des einzelnen, sondern um das wärmende Feuer eine Leitkultur schart, das von dem Strohmann »jüdisch-christliche Werte« genährt wird. Das Tanzverbot an »stillen Feiertagen« wird zum Teil einer im Wortsinn staatstragenden Zivilreligion.

Die Freiheit der Religionsausübung wird soweit gedehnt, daß daraus ein Anrecht erwächst, anderen das eigene Religionsverständnis als Handlungsanweisung aufzuerlegen; ein Religionsverständnis, aus dem dann auch das Recht erwächst, unbotmäßige Religionsausübungen im Namen der Leitkultur zu verbieten – sei es ein französisches Burkaverbot, sei es ein Schweizer Minarettverbot. In einem älteren Artikel, der diese Frage etwas umfangreicher angeht, habe ich das geschrieben: »Wenn der Staat nicht neutral ist, etwa indem er bestimmten Religionen Privilegien einräumt, die andere nicht haben, ist er nicht mehr neutral und verletzt die Religionsfreiheit.« (Aktuell dazu auch Jan Filter, der das ganze aus einer dezidiert anderen Perspektive angeht, aber im Ergebnis zum selben Ergebnis wie ich kommt.)

Becker: »Wir können nicht bei jeder Gelegenheit die Ankerpunkte unserer Gesellschaft lösen und uns dann wundern und beklagen, wenn unser Wertegerüst Schaden nimmt.«

Was ist ein Wertgerüst wert, das durch Tanzen zum Einsturz gebracht wird? (Und: Verdient nicht jedes »Wertgerüst«, das an Musik und Tanz Anstoß nimmt, nichts als Verachtung? If I can’t dance, it ain’t my revolution.) Was ist ein Wertgerüst wert, das nicht durch die Kraft des Arguments besticht, das ohne staatliche Sanktionierung jeglicher Akzeptanzfähigkeit verlustig geht? Das Wertgerüst, oder besser: die gesellschaftliche Deutehoheit, die hier verhandelt wird, ist in der Tat und zurecht brüchig. Gerade solche markigen Worte wie die Beckers zeigen, daß es letzten Endes doch nur Rückzugsgefechte gegen die Welt sind, die hier geführt werden.

Und das halte ich auch (und gerade als Christ) nicht für schlimm: Die kleinbürgerliche Freude, anderen Leuten die eigenen Wertvorstellungen aufzuzwingen, kann doch ernsthaft niemand als Wertgerüst eines freiheitlichen Staates sehen. Und erst recht nicht als Essenz und Conditio sine qua non des Christentums, das doch eine Botschaft der Freiheit sein soll (»zur Freiheit hat uns Christus befreit«): Das große Freiheitsgeschehen wird mit kleinlicher Blockwartmentalität schlechtgeredet. »Christliche Werte« (schon das ist zu einer leitkulturellen Floskel kleingeredet), die auf die staatliche Macht angewiesen sind, verlieren ihre innere Legitimation. »Von Wahrheit groß, von Gnade mächtig«, heißt es. Das Abendland geht nicht unter, wenn Menschen am Karfreitag auf Gräbern tanzen.

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14 Gedanken zu „Jüdisch-christliche Zivilreligion“

  1. „daß es letzten Endes doch nur Rückzugsgefechte gegen die Welt sind, die hier geführt werden“
    – du sprichst damit einen Punkt an, den du nicht wirklich ausführst:
    Ist es wirklich ein Gefecht gegen die Welt, oder nicht doch ein Kampf gegen eine unmoralische Art des Kapitalismus?
    Sind Feiertage, wie der Karfreitag, seit der Einführung des Verkaufsoffenen Sonntag nicht die letzte Möglichkeit dem Konsum zu entkommen und sich mit wichtigerem zu beschäftigen -wie zum Beispiel mit Werten?
    Haben geistige Institutionen, wie die Kirche nicht die Pflicht solche Freiräume zu schützen und für sie einzutreten?
    Ist nicht sogar die Politik verpflichtet eine Kultur der Werte zu propagieren und damit eine gute Demokratie zu gewährleisten?

    1. Wer entkommt denn dabei dem Konsum?

      Ich als Privatperson kann dem Konsum entkommen, indem ich nicht am verkaufsoffenen Sonntag einkaufe, sondern das weiter unter der Woche tue.

      Verkäuferinnen und Verkäufer sind inhärent damit verknüpft, die können das nicht. Aber das ist bei anderen Berufen auch nicht anders, dass sie ihre freien Tage nicht zur selben Zeit haben wie andere.

      Und Karfreitag? Wieso kann man es als Konsumflucht auslegen, wenn man sich Karfreitag über Hintergrundmusik in einer Gaststätte echauffiert?
      Wenn man Karfreitag 100% ernst nimmt, was macht man dann an diesem Tag überhaupt in einer Gaststätte?

      Die Kirche mag die Pflicht haben, solche kirchlichen Institutionen zu schützen, aber der Staat/die Politik hat diese Pflicht eben genau nicht.

      1. Das ganze ist aber ein kirchlicher Feiertag. Durchgeführt im partnerschaftlicher Zusammenarbeit durch den Staat. Sprich: Es ist der Feiertag der Kirche(n) und die hat die Pflich, diesen (ihren) Feiertag zu schützen. Sprich: Sind die Regeln der Kirche nicht erwünscht, dann sollte der Karfreitag auch nicht mehr „Feiertag“ sein, sondern normaler Arbeitstag, an dem jeder nach Gutdünken seinen Glauben leben kann – oder halt normal seinen Alltag nachgehen.

        1. Die Kirchen dürfen auch ihren Feiertag in ihrem Einflußbereich schützen. Nur soll sie dabei nicht übergriffig werden, und erst recht nicht sollte sich der Staat zum Erfüllungsgehilfen einer Religionsgemeinschaft machen. Warum sollten die christlichen Kirchen das Recht haben, das Verhalten von Leuten über staatliche Zwangsmittel zu reglementieren, die von ihr nicht reglementiert werden wollen? (Es wäre doch auch absurd, unter muslimischen Vorzeichen im Ramadan tagsüber Gaststättenkonzessionen auszusetzen.)

          In der Tat halte ich eine Abschaffung religiös begründeter staatlicher Feiertage für die beste Lösung – staatskirchenrechtlich bin ich ganz US-Amerikaner.

    2. Geistige Institutionen haben nicht die Pflicht, Freiräume zu schützen. Sie haben nicht mal das Recht dazu (wenn man denn Religionsfreiheit ernst nimmt). Und arbeitsfreie Tage als Abwehr gegen den Kapitalismus, das sind doch die ureigenen Aufgaben der Gewerkschaften, oder?

      Außerdem kann man dem Konsum auch so entkommen, indem man nämlich einfach nicht Einkaufen geht. Und ob und wann man sich mit Werten beschäftigt, dass sollte man doch bitte selbst entscheiden können.

      Und welche Werte sollen das eigentlich sein, mit denen man sich dann beschäftigt? Die Werte der Kirche sind nicht meine Werte, also fallen diese schon mal aus (für mich). Welche also?

    3. Also mal ehrlich! „Dem Konsum entkommen.“ Wer denkt sich solche Formulierungen aus? Konsum ist doch kein Monster welches einen verfolgt, sondern eine Tätigkeit. Man konsumiert, oder man tut es eben nicht, keiner zwingt einen dazu. Ich sehe auch nicht, warum sich die Beschäftigung mit Werten und Konsum ausschließen sollten? Schutz von Freiräumen finde ich ansonsten ganz dufte. Ich hätte z.B. gerne den Freiraum selbst über die Zeitpunkte zu entscheiden an welchen ich konsumiere (oder tanzen gehe) und an welchen ich das nicht tue.

    4. Im wesentlichen stimme ich Thorn zu; darüber hinaus: In der Tat haben Kirchen die Aufgabe, mahnend tätig zu werden; sobald dieses Mahneramt aber in politische Macht umgemünzt wird, wird es schwierig – das schließt dann die aus, die selbst nicht eine entsprechende Lobby haben, und es schließt vor allen Dingen diejenigen aus, die andere Wertvorstellungen haben: Eben die Hintergrundmusik in der Kneipe. Hier wird eine extrem diffizil ausdifferenzierte Auslegung eines Feiertagsbrauchs verpflichtend für alle gemacht – daß Erholung, »Erbauung« auch ganz anders möglich sind (warum nicht bei einem Konzert? Ich selber singe übrigens jedes Jahr an Karfreitag, in der Kirche ist das nämlich erlaubt.), wird damit ausgeblendet.

      Wir sind uns darin einig, daß es sinnvoll ist, Freiräume zu schaffen: Ist da der verpflichtende christliche Feiertag mit verpflichtendem Verhalten wirklich einer pluralistischen Gesellschaft angemessen? Eine der Religionsfreiheit verpflichtete Kirche (und das ist die katholische) sollte dann doch eher dergestalt Freiräume schaffen, daß diese Freiräume keine exklusiv christlich definierten sind, sondern Raum für andere Werthaltungen sein können.

      Ich plädiere generell dafür, daß der Staat Rahmen vorgibt, anstatt den Rahmen zu füllen: Dazu genügt es hier, beispielsweise einen gesetzlichen Mindesturlaub festzulegen. (Jan Filter hat das im verlinkten Artikel ausgeführt.)

      1. Meine eigene Meinung zu der Sache widerspricht nicht wirklich dem Text. Ich fand nur, dass die Fragen, die ich gestellt habe in diesem Zusammenhang ihre Berechtigung hatten.
        Dass man sie deshalb nicht immer mit „Ja“ beantworten muss versteht sich für mich von selbst.

        Zum Thema Freiräume noch eins:
        Ich finde es wichtig, dass man Freiräume nicht nur als persönliches Phänomen aufgreift, sondern auch gesellschaftlich sieht. Freiräume dürfen nicht gleichgesetzt werden mit privatem Urlaub.
        Freiräume müssen gesamtgesellschaftlich gelten und als Ort für Kontakt und Austausch dienen können.

  2. Naja. Das ist ein bisschen albern. Wenn man einen christlichen Feiertag hat, dann sollte er auch so ausgestaltet sein, wie sich das die Kirchen vorstellen. Wenn man das nicht will, kann man ja folgerichtig fordern, den Feiertag abzuschaffen. Ob man dafür eine Mehrheit bekommt, wird man sehen, aber man kann eben nicht den Kuchen behalten und ihn gleichzeitig essen.

    1. Es geht mir um Grundrechte und nicht um Mehrheitsentscheidungen: Das Recht des staatskirchenrechtlich organisierten Teils der Kirche auf eine ungestörte Religionsausübung nach ihrem Gutdünken muß abgewogen werden gegenüber den mit dieser Ausübung verbundenen Einschränkungen von Rechten der anderen. Ich sehe keinen Grund, warum die Handlungsfreiheit der anderen derart beschnitten werden soll, wenn es doch so viele mildere Mittel gibt: Von Kneipen fernzubleiben, in denen getanzt wird etwa. Selbst Bannmeilen um Kirchen oder Gottesdienstorte wären ein milderes Mittel – zumal man den anderen ja kaum vorwerfen kann, daß der Kuchen da ist, und noch dazu an Tagen, an denen die anderen nicht notwendig Kuchen brauchen. Wenn der Kuchen schon da ist, sollen sie doch wenigstens entscheiden können, ob und mit wieviel Sahne sie ihn essen.

  3. Der Katholizismus (stellvertretend für alles, was sich heute „christlich“ nennt) ist ein Cargo-Kult, der aus der gegenständlich-naiven Fehlinterpretation der Gleichnisse des Jesus von Nazareth entstand. Der „Glaube“ oder „Unglaube“ ist für die religiöse Verblendung, in der man (oder Frau) sich befindet, irrelevant, solange die originale Heilige Schrift (die Bibel nur bis Genesis 11,9; die originalen Gleichnisse des Jesus von Nazareth finden sich im nichtbiblischen Thomas-Evangelium) nicht verstanden ist.

    Götter sind künstliche Archetypen im kollektiv Unbewussten zur Anpassung eines Kulturvolkes an eine noch fehlerhafte Makroökonomie. Die Befreiung aus dem geistigen Tod der Religion (Rückbindung auf einen künstlichen Archetyp) ist der Erkenntnisprozess der „Auferstehung“ (aus der religiösen Verblendung):

    Garten Eden (Paradies) = freie Marktwirtschaft
    Früchte tragende Bäume = Gewinn bringende Unternehmungen
    Baum des Lebens = Geldkreislauf
    Baum der Erkenntnis = Geldverleih
    Frucht vom Baum der Erkenntnis = Liquiditätsverzichtsprämie (Urzins)
    Tiere des Feldes = Arbeiter (Untertanen)
    Mann (Adam) = Sachkapital (freier Unternehmer)
    Frau (Eva) = Finanzkapital (Anleger/in)
    Schlange = Sparsamkeit
    Feigenblätter / Kleidung = Liquidität / Ansehen
    Gott (Jahwe) = künstlicher Archetyp: Investor (lat. vestis = Kleidung)

    (Thomas-Evangelium / Logion 113) Seine Jünger sagten zu ihm: „Das Königreich, an welchem Tag wird es kommen?“ Jesus sagte: „Es wird nicht kommen, wenn man Ausschau nach ihm hält. Man wird nicht sagen: „Siehe hier oder siehe dort“, sondern das Königreich des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.“

    Vater der Kultur = Kreditangebot
    Sohn der Kultur = Kreditnachfrage
    heiliger Geist = umlaufgesichertes Geld

    (Silvio Gesell, Vorwort zur 3. Auflage der NWO, 1918) „Die Wirtschaftsordnung, von der hier die Rede ist, kann nur insofern eine natürliche genannt werden, da sie der Natur des Menschen angepasst ist. Es handelt sich also nicht um eine Ordnung, die sich etwa von selbst, als Naturprodukt einstellt. Eine solche Ordnung gibt es überhaupt nicht, denn immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat.“

    Jesus von Nazareth entdeckte lange vor dem Genie Silvio Gesell die einzige Möglichkeit, wie Menschen wirklich zivilisiert zusammenleben können: die ideale Makroökonomie (Natürliche Wirtschaftsordnung = freie Marktwirtschaft ohne Kapitalismus), als Basis für die ideale Gesellschaft und Grundvoraussetzung des Weltfriedens. Allein diese enorme Erkenntnis machte Jesus zur berühmtesten Persönlichkeit der Welt, auf der bis heute die planetare Zeitrechnung basiert.

    Der Cargo-Kult des Katholizismus ist dafür verantwortlich, dass sich die Menschheit noch immer im zivilisatorischen Mittelalter des Privatkapitalismus (Erbsünde) befindet und heute vor der größten anzunehmenden Katastrophe der Weltkulturgeschichte steht, der globalen Liquiditätsfalle (Armageddon).

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