Zwischen Synode und Konsens. Die Selbstmarginalisierung des politischen Katholizismus

Die Kanzlerin Pfarrerstochter, der Präsident demnächst selber einer – evangelisch. Im Kölner Stadtanzeiger überlegt Joachim Frank, ob das nur Zufall ist oder Symptom einer Krise des politischen Katholizismus. Er konstatiert eine »Selbstmarginalisierung der Kirche als gesellschaftlicher Player sowie die Verdunstung ihrer Milieus, die in den 1960er und 1970er Jahren noch fruchtbare Reservoirs für politische Karrieren gewesen waren«.

Die katholischen Laienverbände (und die Räte) haben ja eigentlich die Aufgabe, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Die Verbände stammen aus einem geschlossenen Milieu, einer recht hermetischen Parallelgesellschaft neben dem sozialdemokratischen und dem bürgerlichen Milieu. Politische Interessen waren hinreichend homogen, um eine katholische Position in die Gesamtgesellschaft einbringen zu können, so homogen, daß mit dem Zentrum eine eigene relevante Partei getragen werden konnte. Später nahm die CDU dieses Milieu und diese Wähler in sich auf; die katholischen Verbände waren in weiten Teilen Vorfeldorganisationen der Union.

Und dann kam das katholische ‘68 – nicht (primär) das zweite vatikanische Konzil, sondern (tatsächlich ‘68) die Pillenenzyklika »Humanae Vitae«. Mit Humanae Vitae bricht ein neues katholisches Zeitalter an: Die Konfliktlinien verlaufen nicht mehr primär konfessionell. Sie verlaufen in der Kirche. Humanae Vitae war der Anfang vom Ende des politischen Katholizismus klassischer Prägung. Kaum etwas hat die Autorität der Hierarchie so untergraben wie diese Enzyklika, deren Bestimmungen über Verhütung ein Großteil der Katholik_innen den Gehorsam verweigern.

In Franks Artikel wird die Konfliktlinie auch in die Kirche verlegt. Seine These:

Die katholischen Verbände, speziell die Jugendorganisationen, galten vielen Bischöfen als zu politisch, zu unkirchlich, zu wenig spirituell. Der Versuch, sie auf fromme Linie zu bringen, hat zu einer verengten binnenkirchlichen Orientierung geführt. Ergebnis: Als Lernfeld oder für die Rekrutierung politischen Personals sind die überalterten Verbände heute kaum noch interessant.

Das scheint mir zu stimmen: Wir in den Verbänden, wir in den Räten sind verengt binnenkirchlich orientiert in unserer Arbeit. Ich merke das in meiner aktuellen Tätigkeit im Vorstand des Diözesanrats der Katholiken in Freiburg: Bei jedem Gespräch sieht unser Bischof unsere Aufgabe im Wirken in die Gesellschaft, bei jedem Bischofsgespräch stimmen wir zu – und der Großteil unserer Tätigkeit ist (will man’s negativ ausdrücken) binnenkirchlich, kirchenpolitisch verengt, oder (will man’s positiv ausdrücken) synodal ausgerichtet. Das ist kein Wunder, und das ist auch in der Organisation der Kirche im Wechselspiel mit gesellschaftlichen Trends grundgelegt. Wir agieren synodal, weil wir das einzige Gremium sind, in dem sich Synodales Bahn brechen kann. Und wir agieren nicht gesellschaftspolitisch wirksam, weil die Geschäftsgrundlage dafür weggebrochen ist.

Das hierarchische Modell der katholischen Kirche, in dem der Bischof nur durch den Papst (und Konkordate) eingeschränkt die Kirche leitet, ohne eine notwendige und verbindliche Rückbindung an seine Diözesanen, paßt zum gesellschaftlichen Umfeld des 19. Jahrhunderts, es paßt zu einem nicht nur dem Taufschein nach volkskirchlichen Milieu. Unter den Vorbedingungen eines Christentums der bewußten Entscheidung wird es aber schwierig.

Unter der gesellschaftlichen Großwetterlage leiden die Massenorganisationen, die die homogenen Milieus früher organisiert haben: Gewerkschaften, Parteien – und Kirchen. Eine bestimmte Konfession, ein bestimmter sozioökonomischer Status kann immer weniger als Schlüssel zum ideologischen Gesamtpaket verwendet werden; die Gesellschaft differenziert sich immer weiter aus, wird individueller und individualistischer. (Sinkende Transaktionskosten für Mobilität und vor allem Kommunikation tun ein übriges, um das repräsentative Paradigma zu unterhöhlen.)

Das trifft die katholische Kirche in besonderem Maße: Das Repäsentative ist Dogma in der katholischen Lehre; der Priester handelt bisweilen sogar in persona Christi; bis zum 2. Vatikanum waren sogar eigentlich nur Kleriker (nur die Priester und Bischöfe) und (dogmatisiert im 1. Vatikanum) letzten Endes der Papst im eigentlichen Sinn Handelnde, und das Gegensteuern des 2. Vatikanums durch die stärkere Betonung des Glaubenssinns der Gläubigen blieb (qua Machtansprüchen und unhintergehbarer Dogmatik des 1. Vatikanums) in seiner Wirkung nur schwach. (Die später in Deutschland installierten Laienräte jedenfalls wurden nie echte synodale Gremien der Mitbestimmung und Mitveranwortung, sie blieben Räte, auf deren Rat der Bischof hören kann oder auch nicht.)

Die Struktur der Kirche kollidiert mit den Erwartungen ihrer Gläubigen; im profanen Bereich Bürger_innen, von denen alle Gewalt im Staate ausgeht, im kirchlichen Bereich bleibt es bei wohlwollendem Anhören ohne institutionelle Teilhabe an der ausgeübten Macht. Ein gehorsames Kirchenvolk, wie es kirchliches Recht und kirchliche Dogmatik verlangt, ist unter den Bedingungen einer Gesellschaft demokratisch Sozialisierter nur noch als sehr kleine Schar möglich.

Es kommt zu einem nur vordergründig paradoxen Ergebnis: Gerade weil die Gläubigen den demokratisch-republikanischen Bürgerinnensinn verinnerlicht haben, sinkt die gesellschaftliche Wirkmächtigkeit des politischen Katholizismus. (Und noch ein Paradox: Gerade das führt zu einer Klerikalisierung des politischen Katholizismus; politisch wirkmächtige Beiträge kommen von den Bischöfen, die immer noch eine relativ homogene Gruppe sind, deren ideologische Spannbreite nicht die gesamte Gesellschaft abdeckt, sondern sich zwischen CDA und AEK bewegt.) Verbände und Räte sind die einzigen Akteure innerhalb der Kirche, die die Funktion einer synodalen Mitverantwortung wahrnehmen können. Verbände und Räte sind innerkirchliche Opposition – und Opposition schweißt zusammen.

Die gemeinsame Opposition in Form der Einforderung synodaler Teilhabe führt dazu, daß Widersprüche innerhalb der Verbände und Räte überdeckt werden. Immer noch geriert sich der politische Katholizismus so, als gäbe es eine katholische Position. Als wäre es möglich, eine (eine!) katholische Stimme in den politischen Prozeß einzuspeisen. Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (dessen Mitglied ich bin) versteht sich immer noch als eine solche katholische Stimme. Bei einigen wenigen Politikfeldern mag das gelingen (im Bereich Bioethik und Sonntagsschutz herrscht eine große Einmütigkeit über Parteigrenzen hinweg bei gleichzeitiger Unterscheidungskraft der Position). Über die wenigen Konsensthemen hinaus sind die Stellungnahmen aber Kompromisse und damit unspektakulär: Durchweg sagt das ZdK (und ebenso die Verbände und Räte) viel Wahres und Kluges und Vernünftiges. Es sagt nur sehr selten etwas Interessantes.

Der politische Katholizismus in seiner jetzigen Form hat die Pluralität des Kirchenvolks personell schon nachvollzogen (außer der Linken sind Vertreter_innen aller im Bundestag vertretenen Parteien im ZdK vertreten; der einzige Parteichef im ZdK ist Philipp Rösler, der einzige amtierende Ministerpräsident Winfried Kretschmann) – aber noch lange nicht inhaltlich; die Selbstwahrnehmung ist immer noch die großer Relevanz konfessioneller Beiträge zur Politik. Das trägt zu der von Frank beklagten Selbstmarginalisierung bei. Wahres und Kluges und Vernünftiges zu sagen bewirkt noch keine gesellschaftliche Relevanz, wenn alle anderen dasselbe sagen. In der aktuellen Verfaßtheit vermögen die institutionellen Akteure des politischen Katholizismus aber nur wenig Unterscheidendes zu sagen – wo Kretschmann, Rösler, Kortmann unter dem Präsidium von Glück katholische Beiträge zur Politik formen, ist nur breiter Konsens möglich.

Daran zeigt sich aber auch, daß der Prozeß der Selbstmarginalisierung nicht rein selbstverschuldet ist. Die Pluralisierung und Ausdifferenzierung des Kirchenvolks bewirkt ganz natürlich die Marginalisierung der vermittelnden Konsenspositionen seiner Spitzenrepräsentantinnen. Wir werden kein Zentrum zurückbekommen, die katholischen Organisationen werden keine katholischen Vorfeldorganisationen der Union mehr werden (selbst innerhalb der Union sind die Katholik_innen keineswegs einig: den liberalen CDA- und ZdK-Mitgliedern steht der gegen den pragmatischen Merkelzentrismus gegründete AEK gegenüber, ein letztes Aufbäumen alter katholischer Deutungshoheit über das C der CDU).

Die katholische Soziallehre lobt sich beständig selbst, daß sie kein ausgefeiltes politisches Programm hat, sondern die Bedingungen der Möglichkeit humaner Politik benennt. (Damit ist die katholische Soziallehre vor dem selben Dilemma wie die Piratenpartei, die auch weniger eine Partei der konkreten policies ist als vielmehr eine fundamental strukturkritische Basis zur Reform der polity.) Die Pluralisierung des politischen Katholizismus wäre eigentlich eine Chance, das wieder stärker zu betonen – wie das freilich konkret aussehen kann (und ob das nicht zu einem noch wohlfeileren Predigtton der Verlautbarungen führt), ist für mich noch völlig unklar.

Vielleicht wäre ein erster Schritt, den Begriff des politischen Katholizismus neu zu denken: Weg von der Idee einer katholischen Politik, hin zu Katholik_innen, die in der Gesellschaft wirken und ihre Politik an ihrem Gewissen ausrichten – und von der Kirche auch dann Wertschätzung für ihr Engagement erfahren, wenn die Gewissensentscheidungen sich nicht mit der hierarchisch vorgegebenen konkrekten Position decken. (Und innerkirchlich wäre zu überlegen, ob dann nicht eine Synodalisierung der Räte anstünde – die dann freilich auch die bisher in ihnen wenig repräsentierten Konservativen integrieren müßten, denen die bisherigen Konsensverlautbarungen zu zeitgeistig sind.)

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