Rollen im Postprivaten

In der FAZ (via wiesaussieht) deutet Harald Welzer den Fall Wulff als Selbstmißverständnis: Wulff verwechsle und vermenge seine Rolle als Privatmann und seine Rolle als Präsident. Welzer schreibt dieses Versäumnis Wulff als persönlichen Fehler zu. Das Rollenmißverständnis hat aber auch einen Aspekt über die Persönlichkeit im besonderen hinaus: Diese Vermengung von privater und politischer Rolle ist nicht nur persönliche Unzulänglichkeit – sie ist gleichzeitig Nebenprodukt und Desiderat eines modernen, eines piratigen Politik- und Öffentlichkeitsverständnisses.

Bei Welzer findet sich nur das Unvermögen Wulffs zur Rollenkompetenz:

Er verwechselt sich stets selbst mit der Rolle, die er einzunehmen hat. Als Ministerpräsident glaubt er, seine private Person sei gemeint, wenn er in die Ferien eingeladen wird, und als Bundespräsident adressiert er eine private Entschuldigung an die Öffentlichkeit und reklamiert auch noch, dass er sich in einem Lernprozess befinde. Die Rolle des Bundespräsidenten aber „lernt“ man nicht; sie ist von der Verfassung festgelegt, und deren Anforderungen hat man zu erfüllen. Man kann sich als private Person furchtbar unsicher sein, ob man dem allen gewachsen ist, aber das kann man als Ehemann seiner Frau offenbaren oder als Freund einem Freund. Ganz sicher sieht die Rolle des Bundespräsidenten öffentliche Eingeständnisse von Privatem nicht vor.

Welzer sieht Rollendistanz als Kernkompetenz des politischen Handelns an; mittelalterliche politische Theorie klingt an, wo der Souverän die klar unterschiedenen Aspekte des body politick wie des body natural hatte – eine Trennung, die die Legitimation der Monarchie auch bei Monarchen mit einem unzulänglichen body natural erlaubte (sei’s ob ihrer geistigen und körperlichen Gesundheit, sei’s ob ihres falschen Geschlechts). (Bereits im letzten Jahr war in der Zeit ein wunderbarer Artikel von Adam Soboczynski, der die Frage aus der anderen Perspektive anhand dieses Beispiels diskutierte: »Eine Trennung zwischen Amt und Person findet dann keine Geltung mehr, wenn vom Privatleben notorisch auf die Amtsführung geschlossen wird.«)

Auf die Begriffe Rollendistanz und Rollenerwartungen lassen sich Affekte und Erwartungen der (Berufs-)Politik gegenüber oft bringen: Wer Politik als Beruf betreibt, soll einerseits »nicht abgehoben«, »einer von uns« sein, nicht dem politischen Establishment angehören (idealtypisch herausgearbeitet in Frank Capras paradigmatischen Piratenfilm »Mr. Smith Goes to Washington«) – gleichzeitig aber auch professionell, gewieft, taktisch beschlagen, eloquent, durchsetzungs- und verhandlungsstark, was alles in das Klischee des falschen Politikers im Gegensatz zur ehrlichen Frau von der Straße mündet. Aber auch positiv: Die Würde und der Habitus des Amtes tragen die Person und decken private Verfehlungen und Unzulänglichkeiten zu, verdrängen sie aber zumindest in eine andere Sphäre.

Das wird zunehmend anders. Bei Wulff ist das noch eine sehr vordigitale Sache: Homestorys als Mittel, um als sympathischer Mensch zu erscheinen, was allerdings eine Öffentlich-Machung einer privaten Sphäre erfordert. Darüber hinaus, und damit unter den Bedingungen der gegenwärtigen Medien, wird diese Vermischung der Sphären noch deutlicher:

Unser Lebens- und Medienumfeld ist dadurch geprägt, daß ein Wechsel unserer Rollen, unserer Sphären, immer weniger Transaktionskosten erfordert: Die Query »Wulff« führt uns ins Private wie ins Berufliche der Person Christian Wulff. Was bei Wulff noch inszenierte Homestorys waren, ist bei vielen, die mit sozialen Medien selbstverständlich leben, das echte private Leben. (Ich mag den Begriff »digital natives« nicht übermäßig; die damit beschriebene Veränderung im Mediennutzungsverhalten sehe ich aber durchaus: Die organische Integration in Lebensvollzüge einerseits, andererseits die nur Teile der Möglichkeiten abdeckende Nutzung als zusätzlichen Pressekanal.)

Diese Spannung wird besonders bei der Piratenpartei deutlich: Ständig geht es um Fragen der Abgrenzung zwischen persönlich und privat: Braucht die politische Geschäftsführerin einen privaten und einen politischen Twitteraccount? Darf ein Abgeordneter zum Spaß so tun, als schnupfe er Kokain? Sind Parteimitglieder Privatleute, die ein Wahlgeheimnis brauchen, oder sind sie Politikerinnen, die transparent abstimmen müssen? Wie geht, wer Politik als Beruf betreibt, mit eigenen Fehlern um? Allgemeiner: Werden sich die Piraten »professionalisieren«, d. h. den Codes und dem Habitus der Rolle »Politiker« entsprechen, sei es gewollt oder aus systemischem Druck? Die Piraten werden unter anderem deshalb als sympathisch wahrgenommen, weil sie das nicht wollen. Weil sie sich gegen eine bestimmte Rolle des Politikers wenden – und damit den oben beschriebenen Affekt gegenüber »den« Politikern bedienen.

Der Wunsch nach Authentizität und nach nichtklassischen Rollen auch als Politker ist eine Reaktion auf ein verändertes Umfeld: Die Sphären des Privaten und des Öffentlichen sind nicht mehr so einfach trennbar; über soziale Medien wird das Privatleben rein technisch öffentlicher; schon bevor Menschen eine Rolle im »öffentlichen Leben« haben (ein hergebrachter Begriff, der so heute wohl nicht mehr geprägt werden würde), haben sie ein öffentliches Leben. Das gab es früher natürlich auch: Die privaten Rollen in der Familie, in verschiedenen Freundeskreisen, in Vereinen … hatten begrenzte Öffentlichkeiten, und wirkliche Geheimhaltung wurde wenig betrieben und war kaum möglich – die Transaktionskosten hielten aber doch meistens von einer Recherche ab. (Deshalb ist die googelnde Personalerin auch ein stehender Begriff im Gegensatz zum Schützenfeste besuchenden Personaler.)

Zwei Varianten eines Phänomens: Problematisch Wulff und seine ungewollte, versehentliche, unreflektierte Vermengung verschiedener Rollen (zumal er die staatstragende händeringend verteidigt), dort die Piraten, die in diesem Fall den Kontrollverlust umarmen: Wenn das Private ohnehin öffentlich ist, dann machen wir uns wenigstens ehrlich und geben zu, daß wir nicht zu jeder Zeit staatstragend sind.

Was ich – pars pro toto – als die piratische Position beschrieben habe (und natürlich ist es keine exklusive parteipolitische Haltung), ist ein pragmatischer Umgang mit den Gegebenheiten, den man sich allerdings leisten können muß. Es ist ein Symptom für unser gesellschaftliches Umfeld, für das uns noch soziale Normen fehlen: Die Unterscheidung von body politick und body natural, Rollen mit klaren Anforderungen und damit klar trennbaren Sphären funktionieren nicht mehr, wenn keine Transaktionskosten diese Trennung der Sphären zum Normalfall machen, und wir haben noch nicht die Normen ausgebildet, um deren ja grundsätzlich sinnvolle Funktion zu ersetzen: Wenn alle Sphären ineinander übergehen, wenn alle Teilöffentlichkeiten und -privatheiten immer durchlässiger werden, braucht es, so lange es keine neuen Normen des Anstands oder auch nur des Verhaltens in einer solchen Welt gibt, das Leben eines Heiligen oder die Hornhaut eines Märtyrers, um überhaupt noch Politik betreiben zu können – und das kann hier im weitesten Sinn als »öffentlich handeln« verstanden werden.

Wulff ist (unter anderem) ein Opfer dieser Umstände, die Piraten als authentisch politisieren Wollende nutzen sie: Umstände, die den Nutzen von Rollendistanz ebenso wie ihre immer schwierigere Umsetzung deutlich machen. Wie gehen wir damit um?

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19 Gedanken zu „Rollen im Postprivaten“

  1. „Wie gehen wir damit um“ ergibt sich für mich zwingend daraus, dass die Aufhebung der Sphären alle betrifft – oder zumindest fast alle.

    Natürlich kann ich mich in ein Eremitendasein zurückziehen und nichts mitteilen. Damit koppele ich mich aber natürlich auch vom gesellschaftlichen Diskurs ab – kurz: Ich werde für diesen auch irrelevant.

    Der Rest wird es zunehmend als Normalität empfinden, dass es diese Sphärentrennung immer weniger gibt – weil es sie auch nicht zu allen Zeiten gab. Woraus sich ergibt, dass bestimmte gesellschaftliche ethische Maximen zu überdenken sind, insbesondere es eines höheren Maßes an Toleranz und Vergebung bedarf. (In der Piratenpartei habe ua ich das unter dem Schlagwort Datenethik thematisiert, siehe Website-Link)

    Ich bin mir recht sicher, dass das von selbst kommen wird. Der Vorteil ist, dass eigentlich alle halbwegs gleichermaßen betroffen sind und daher ein gemeinsames Interesse daran haben, dass die Öffentlichkeit kein Pranger wird.

    Im Grunde ergibt sich eine parallele Entwicklung wie jene, die mspro unter dem Schlagwort der Filtersouveränität führt.

    Im Konzept der Filtersouveränität verlagert sich die Entscheidung über die Relevanz von Informationen vom Sender zum Empfänger.

    Ähnliches muss gesellschaftlich passieren: Wenn ich mit einer Person auf beruflicher Ebene zusammenarbeite, aber sich berufliche und private Sphären in der Öffentlichkeit durchmischen, so ist es an mir, aus dieser Durchmischung wieder das herauszufiltern, was beruflich relevant ist – und Sauffotos bspw. Sauffotos sein zu lassen.

    Vorrübergehend wird sich dabei der generation-gap oder Sozialisations-gap bemerkbar machen.

    Die Piraten, die jene neue Öffentlichkeit „umarmen“ wie du so schön schreibst, stoßen sich an der Skandalisierungsfixierung der alten Medien und Öffentlichkeit, die nicht in der Lage ist, jenen Sphärenmisch zu trennen, den sie liefern. Eine Öffentlichkeit, die Ironie, Witz und Ernsthaftigkeit, Politik und Privates vermischt, weil es ihr entsprechend dargeboten wird.

    Daraus resultieren dann so Workarounds wie mehrere Twitter-Accounts, obwohl diese minimale Trennung im Kommunikationskanal also eine senderseitige Zuordnung von Kommunikation zu einer bestimmten Sphäre das Problem natürlich nicht löst.

    Derselbe Lernprozess – nur von der anderen Seite – legen diejenigen hin, die ihr Weltbild und ihr Verhalten auf die zuverlässige Trennung ihrer Identitätssphären aufgebaut haben und bemerken, wie die Trennwand erodiert.

    Vermutlich gebären sie sich einfach ungeschickter, weil sie zum einen weniger Ansporn haben sich zu entwickeln als die Generation, der die Piraten entspringen und zum anderen auch eine größere Fallhöhe mitbringen.

    Diesen Gap kann man an vielen konkreten Punkten sehen:
    Wenn Facebook als „das Böse“ dargestellt und ein Recht auf Vergessen propagiert wird, wenn informationelle Selbstbestimmung gedreht wird in eine informationelle Verhinderung aus staatlicher Fürsorge, oder wenn Heranwachsenden geraten wird, nichts kontroverses in die öffentliche Darstellung der eigenen Person hineinzutragen.

    Dagegen steht die Realität, dass es ein Bedürfnis nach Öffentlichkeit gibt, dass jene „Digital Natives“ die Neue Öffentlichkeit eben nicht dafür nutzen, ein glattgebürstetes und nicht kontroverses Bild ihrer Person zu erschaffen, wenngleich meistens durchaus ein Bewusstsein vorhanden ist, gewisse Dinge privat zu halten.

    Doch ich bin optimistisch, dass sich das verwächst. Nicht ohne Schmerzen, aber aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht übermäßig blutig.

  2. Nur mal schnell ins Unreine gedacht: Es ist eine Riesenchance, durch die neuen Zwänge neue Verhaltensweisen zu entwickeln. Wenn die künstliche Abgrenzung in der Rolle des menschlichen Stereotyps nicht mehr möglich ist, gibt es es einen guten Grund, sich als Mensch zu verhalten und neue Formen des Umgangs mit anderen zu erlernen. Dazu gehört zwingend die Frage nach dem eigenen Umgang mit Fehlern.

  3. hallo,

    dem text kann ich soweit folgen, das scheint alles nachvoll ziehbar für mich.
    trotzdem bin ich etwas genervt.
    es ist nämlich mit nichten der fall, dass wir hier unglaublich revolutionäre neue dinge vorgeführt bekommen. allenfalls werden einmal mehr sachverhalten deutlich die schon eine ganze weile in den kanonen der philosophisch angelegt soziologie aufgenommen wurden und dort auch ausführlichst thematisiert worden sind.

    ich möchte an dieser stelle einfach mal auf den mittlerweile schon fast zum klassiker gewordenen titel ‚Verfall und Ende des öffentlichen Lebens. Die Tyrannei der Intimität‘ von Richard Sennett (1986) verweisen.

    viel vergnügen beim lesen.

    hgfk

    1. Sennett habe ich tatsächlich gelesen, auch wenn es eine Weile her ist – und in der Tat nimmt er ziemlich vieles, was hier diskutiert wird, schon vorweg.
      Dennoch glaube ich, daß wir es mit einer neuen Qualität zu tun haben: Sennett hebt ja auf eine Psychologisierung, auf eine Übernahme »intimer« Verhaltensformen in die öffentliche Sphäre ab, die dadurch entwertet wird – so ähnlich wie (sorry for all the namedropping) bei Habermas die Öffentlichkeit verfällt, weil es (auch Sennett hat das Beispiel) die Salon- und Kaffeehauskultur nicht mehr gibt.

      Mir scheint da im Hintergrund immer ein antikisierendes Politikideal mitzuschwingen, wo das Gemeinwesen überschaubar zu sein hat und der Marktplatz als Platz der Volksversammlung taugt, und an diesem Ideal wird dann immer der Verfall festgemacht – bei Sennett, bei Habermas, bei Arendt.

      Wulff ist auch das Idealbild des gewandelten Politikerbildes, wie es bei Sennett beschrieben wird: Groß gemacht durch gefühlige Homestorys, niedergeschrieben wegen sehr bourgeoisen Verfehlungen. Für Wulff brauche ich den neumodischen Postprivacy-Ansatz nicht. Da reicht Sennett.

      Ich kann aber mit den Verfallsanalysen allein wenig anfangen: Der Verfall von allem ist ja seit Verlassen der Bäume gegeben, und mit der Literatur geht es seit Homer auch nur bergab. Es ist nicht nur »Verfall«, es ist kreative Zerstörung – es entsteht etwas neues. Irgendwann wird sich die Gesellschaft an die neuen Rahmenbedingungen adaptiert haben.

      Und ich glaube auch, daß es tatsächlich neue Rahmenbedingungen sind: Analysen von Sennett (und Habermas, und Arendt) kommen mir durch ihre antikisierende Grundierung immer sehr großbürgerlich vor – sie passen auf die Polis und die große Stadt, sie passen auf eine bürgerliche Schicht, die Kaffeehäuser besucht (auch wenn Sennett schreibt, daß in seiner idealen Öffentlichkeit die Standesunterschiede nicht gelten – sieh mir meine geringe Textkenntnis nach: Aber es geht bei Sennett doch eher weniger um die Arbeiterkneipe als ums Kaffeehaus, oder?).

      Indem eine private Sphäre durch sinkende Transaktionskosten so öffentlich durchsuchbar wird, kommt ein neuer Aspekt hinzu, den Sennett noch nicht vorhersehen konnte. Der öffentliche Zugriff wird auf private Äußerungen und Tätigkeiten möglich, wie das vorher eben nur unter größerem Aufwand möglich war, und zwar nicht nur bei einer kulturellen und großbürgerlichen Klientel. Daß Twitter ein anderes, aber doch ein spezielles Milieu abbildet – unbenommen; Facebook wird langsam commodity, und damit greifen solche Analysen plötzlich bei viel mehr Leuten, es betrifft viel mehr Leute. Politische Kommunikation verändert sich, wenn das herrschende Kommunikationsparadigma weg von one-to-many hin zu one-to-one geht.

      Sennett nützt viel bei der Analyse der Gegenwart. Trotzdem und trotz seiner visionären Aspekte betrachte ich aber doch immer wieder mit großem Staunen und großer Neugier die disruptiven Vorgänge, die gerade unsere hergebrachten Verhaltensnormen in Frage stellen.

  4. Finde deinen gedanklichen Ansatz spannend.

    Dennoch: Wulff hat nicht von irgendwelchen Kumpels Geld oder andereDinge angenommen, sondern von Personen, denen er in seiner Funktion als Ministerpräsident nützlich sein konnte.
    Er bezeichnet diese als „Freunde“, das ist eine Selbsttäuschung, die ihn bemitleidenswert macht, aber eben auch unhaltbar für das speziell auch moralische Amt des Bundespräsidenten.

    Die Annahme eines ungewöhnlich günstigen Bankkredites und die Amtsmacht-bezogenen Versuche der Beeinflussung der Pressefreiheit sind ebenso einzuordnen.

    Egal wie post-privacy jemand sein mag, solche Aktionen sind unzulässig. Ob die Transparenz selbst oder durch die Presse sichergestellt wird ist dabei zweitrangig. Wulff wusste immer, dass er Unrechtes tut, er hat es nur eiskalt akzeptiert – ein solches Verhalten würde auch in einem post-privacy-Modus als tatsächlich unangemessen gelten.

    Entscheidend ist also den eigenen Anspruch an die Moral zu definieren und dann danach zu handeln. Eine Gesellschaft, die solch niedere Moralwesen wie Wulff in einem post-privacy Modus akzeptiert, hat es auch nicht besser verdient.
    Umgekehrt aber kann ein offen-kämpferischer Umgang mit der eigenen Moralvorstellung auch dazu beitragen, die Abwägungsprozesse der Ansprüche an einen politisch Delegierten von Beginn an einordnen zu können. Somit könnten gewählte Individuen sicherer in ihren eigenen Vorgaben agieren, wenn sie sich die Bestätigung der moralischen Zulässigkeit in generali vorab bei den Wählern eingeholt haben.

    Dies kann zu starken Kandidaten führen, die Pragmatismus und Prinzipien offen und ehrlich abwägen und für die dabei gefundenen Kompromisse auch glaubhaft einstehen.

    PS: Auch hier gilt für das Amt des Bundespräsidenten weiterhin höchstes Niveau, weil er/sie eben nicht den Kompromissfindungen im alltäglichen politischen Alltag unterworfen ist.

    1. Wulff war hier mehr der Aufhänger für freies Assoziieren zum Thema – daß er, gesellschaftlicher Wandel hin, postprivacy her, eine sehr unappetitliche Amigo-Art pflegt, sehe ich ebenso.

  5. @jensbest vorweg angemerkt: ich persönlich habe etwas probleme mit der kategorie der moral wenn es um eher philosphisch angelegte fragestellungen geht (was im umkehrschluss nicht heißt dass mir moral und ethik, auch in bezug auf den amtierenden bundespräsidenten völlig egal wären).
    von daher würde ich das von dir geschiebene durchaus unterstreichen, weiß aber nicht ob es an dieser stelle weiter führt.

    insgesammt bin ich mit dem kontext postprivacy an dieser stelle aber nicht recht glücklich. der begriff ist ja als schlagwort durchaus brauchbar. es ist aber eben nicht alles postprivacy was sich heute auf medialer ebene vermittelt und irgendwas mit intimität und öffentlichkeit zu tun hat.

    imho geht es hier ja eher um fragen der erfolgreichen simulation von authentizität und eventuell auch intimät. dinge die zwar durchaus mit dem begriff des privaten zusammen hängen, aber nicht zwangsläufigkeit ein und das selbe sind. hier zeigt sich im übrigen auch einer der kritikpunkte an dem postprivacybegriff. das twittern, facebooken oder google+-posten von banalsten sachverhalten ist ja nicht unbedingt der verlust von privatsphäre, sondern eher eine inszenierte und öffentlich simulierte vermittlung von intimität – oder eben die lust sich authentisch zu geben.

    so würde ich dir, fxneumann bei allem respekt eben auch widersprechen wenn du schreibst „Was bei Wulff noch inszenierte Homestorys waren, ist bei vielen, die mit sozialen Medien selbstverständlich leben, das echte private Leben.“
    was auch immer das echte sein mag, aber von durchfall, eitrigen pickeln an intimen stellen, oder sonstigen peinlichen widrigkeiten des alltags lese ich zumindest in meinen circles und timelines so gut wie nie. wir können also sehr wohl davon ausgehen, dass es auch hier ganz bewusst inszenierte homestories gibt.

    zum abschluss aber eventuell noch mal das folgende. dieser kommentar ist bitte nicht als generelle kritik an dem post zu verstehen. ich bin aber der meinung, man sollte versuchen die auftretenden phänomene nicht immer nur durch digitalisierunsbrille zu betrachten – deshalb auch der hinweis auf sennett zu anfang.

    hgfk

    1. Zugegeben: Postprivacy habe ich hier mangels besserer Alternativen als Schlagwort benutzt.

      Ich bleibe aber dabei: »das echte private Leben« – das bedarf dann auch noch einer genaueren Bestimmung. Es ist nicht das echte intime Leben – Durchfall, Pickeln und was sonst nicht in eine sorgsam kuratierte öffentlich-private Persönlichkeit paßt. Es ist aber die Äußerung eines privaten Lebens, das nicht primär auf Öffentlichkeit im Sinne einer bürgerlichen Öffentlichkeit zielt. Private Vollzüge werden nach wie vor mit einer privaten Intention geäußert, allerdings mit Mitteln, die ihrer Technik nach beliebig einfach greifbar sind. Inszenierung gibt es wohl in jedem sozialen Vollzug – selbst in der Intimsphäre. Die verschiedenen Inszenierungen, auch wenn sie »privat« gemeint sind, werden aber öffentlicher.

      Ich glaube, ich habe weniger eine Digitalisierungsbrille auf: Daß in diesem Fall Transaktionskosten durch Digitalisierung sinken, ist wichtig für meine Überlegungen. Digitalisierung ist dabei aber nicht der Kern, an dem ich alles aufhänge, sondern die Rolle von Transaktionskosten: So wie es keine Digitalisierung braucht, um das repräsentative Honoratiorenmodell der Politik in Frage zu stellen (obwohl die das natürlich noch verstärkt), da schon schneller Transport und schnelle Kommunikation (auf dem Niveau Fernsehen und Radio, also schon vordigital) disruptiv wirken, wirken Veränderungen in den mit Handlungen verbundenen Transaktionskosten normbildend, mindestens aber normbeeinflussend. Das läuft dann eben heutzutage in der Tat sehr stark auf Digitalisierung hinaus, in allen Bereichen – Digitalisierung ist Habermas und Sennett und Freud auf Speed.

      1. Normbildende soziale Transaktionskosten und die Sicherstellung der Intimsphäre und des Respekts in einer offenen Gemeinschaft. Danke für den Nachsatz-Kommentar.

      2. danke dir für die antwort. und ich gebe dir in der tat in teilen recht, würde vielleicht soweit gehen, dass wir beide in teilen recht haben.
        zweifelsohne gibt es einen wandel der idee der privatheit, ich denke hier treffen wir uns schon mal. ich bevorzuge zur beschreibung dafür das kunstwort ‚transprivacy‘ welches für mich den wandel der privatsphäre andeutet aber nicht zwangsläufig das verschwinden vorwegnimmt, wie etwa bei postprivacy-begriff.

        etwas skeptisch bin ich nach wie vor ob die mediale inszenierung von intimen dingen mit einer privaten intention geäußert werden. da müssen wir weiter dran bleiben.

        für mich ist das eher eine form der imitation dessen was man über jahre hinweg in reality-dokus, soaps, und eben auch homestories gesehen und gelernt hat.
        mir scheint es als würden wir versuchen uns über social media, blogs und kommunikation im web, den medialen raum anzueignen.
        und so werden wir dann alle irgendwie auch zu schauspielern.

        ich wage zu behaupten, dass die nutzer der sozialen netze, ob nun bewusst oder unbewusst verstanden haben, dass es keine privaten handlungen sind, die dort veröffentlicht werden. sondern dass es sich um ein so-tun-als-ob handelt.
        wobei sich natürlich die frage stellt, ob dann die ‚fake-privatheit‘ überhaupt von bedeutung ist, wenn diese authentisch und glaubhaft als echt simuliert wird. 🙂

        die idee der geringen transaktionskosten find eich im übrigen gut. klingt zwar leider etwas technisch, aber nichts desto trotz interessant.

        hgfk

  6. Schöner Artikel.

    Was mir dabei einfällt: Die Figur Wulff zeigt, dass das Amt in seiner ursprünglich gedachten Art nichtmehr funktioniert, weil kein Mensch dem gerecht werden kann. Das wird nur jetzt erst klar. Auch ein Bundespräsident kocht mit Wasser. Und Wulff sogar mit recht schmutzigem.

    Ansonst: Wir lernen gerade viel über die Menschen, die Menschen über sich selbst. Gödel hat doch bewiesen, dass ein System sich selbst erkennen kann. Das fängt gerade an. Was passiert? Keine Ahnung, aber ich finde es spannend 🙂

    LG
    laprintemps

    1. Widerspruch: Jede Gemeinschaft hat übergroße Rollen und Aufgaben, die in einem Menschen zusammenfliessen. Dies ist nötig, um sich der „Großen Erzählung“ als Gemeinschaft zu versichern. Die kleinen Erzählungen des Alltag sind immer leichter zu hinterfragen, somit braucht die Unsicherheit der Einzelnen Bestätigung und kritische Reflexion in einem dafür entworfenen Korpus innerhalb der Gemeinschaft.

      Pluralistische offene Gesellschaften brauchen solche Rollen, um sich des gegenseitigen Respektes und der immer weiterentwickelnden Moral ein Sprachrohr zu geben.

      Du könntest jetzt einwenden, dass diese Rolle heute von vielen Menschen auf miteinander vernetzten kaskadierenden Ebenen erfüllt wird. Das mag sein, aber wenn man den Bundespräsidenten als eine solche Rolle überwinden möchte, muss man erst die Bindungskraft des Nationalen glaubhaft und konstruktiv überwinden.

      Um dieses historische Rollenverständnis zu erfassen, hier ein guter Artikel dazu aus der FAZ (und auch die sehr emotionalen Kommentare sind interessant) :
      http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/theodor-heuss-mein-bundespraesident-11605221.html

      Die Frage bleibt: Wie und von wem wird die große Erzählung, die jede Gemeinschaft braucht, in Zukunft erzählt werden? Wie offen, wie pluralistisch und gleichzeitig moralisch stark wird sie sein in einer Zeit, die meint dem Individualismus zu sehr frönen zu müssen?

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