Der post-private Übermensch

mspro entwickelt gerade eine Ethik des radikalen Rechts des Anderen; auf der Basis von Hannah Arendt und Emmanuel Levinas denkt er radikal durch, was Öffentlichkeit im Zeitalter des weitgehend transaktionskostenfreien Kopierens, Verknüpfens und Abfragens bedeutet: »Das radikale Recht des Anderen ist die Souveränität beim Filtern«, ist mspros Lösungsvorschlag.

Vorweg, wo ich mit mspro völlig einig bin: Das Konzept der digitalen Öffentlichkeit ist von grundsätzlicher Wichtigkeit, um überhaupt zielführend über Netzregulierungen und Urheberrecht zu diskutieren. (Ich habe das in meinem Artikel Der Öffentlichkeit nicht den Boden entziehen. Anforderungen an ein neues Urheberrecht diskutiert.) In der Analyse des Kontrollverlustes stimme ich ihm zu; das hergebrachte Datenschutz-Prinzip der »Zweckbindung« schränkt die Öffentlichkeit zu sehr ein, als daß es ein sinnvolles Prinzip für die Nutzung jeglicher Art von Daten wäre.

Problematisch finde ich nur die ethischen Implikationen, die er daraus zieht, denn mspros Ethik ist eine Ethik des Übermenschen.

Nietzsche sieht in der Welt eine »ewige Wiederkehr des Gleichen« am Werk: In einer unendlichen Welt mit nur endlich vielen Zuständen passiert alles immer wieder. Der Übermensch zeichnet sich dadurch aus, daß er diese ewige Wiederkehr akzeptiert, daß er das Schicksal akzeptiert – amor fati –: Ja-sagen zu allen Dingen.

Zwei Elemente Nietzsches sehe ich in mspros Ethik des Rechts des radikal Anderen. Mit einem etwas weit ausholenden metaphorischen Spagat findet sich die ewige Wiederkehr des Gleichen: Die radikale Öffentlichkeit ist ein Instrument, die Vermutung »Ich bin nicht allein« in eine Gewißheit zu überführen. Ein Argument, das insbesondere von Jeff Jarvis immer wieder ins Feld geführt wird: Indem er seine Prostatakrebs-Erkrankung radikal öffentlich gemacht hat, ermöglichte er Kontakt und Austausch mit anderen Betroffenen. Erst die Einsicht, daß Scham irrational ist angesichts der Vielzahl der ähnlichen Lebenssituationen, ermöglicht Selbsthilfegruppen. Ein anderes immer wieder angeführtes Beispiel ist Homosexualität: Nur durch Outing läßt sich ein Zustand gesellschaftlicher Normalität herstellen.

Die andere Parallele braucht weniger feuilletonistisch-zwanghafte Analogiekonstruktion: Die ewige Wiederkehr des Gleichen zu akzeptieren ist bei Nietzsche das Ziel des Menschen. Es braucht den Übermenschen, der sich von der konventionellen Moral gelöst hat, der die alten Werte überwindet, um souverän ja sagen zu können zu allen Dingen. Wie der Übermensch das blinde und sinnlose Schicksal umarmen muß, um Übermensch zu sein, so muß das Subjekt von mspros Ethik den Kontrollverlust umarmen, um überhaupt nach dieser Ethik leben zu können.

Daher kann diese Ethik keine politische Ethik sein: mspro schickt seinem Artikel den Disclaimer voraus, er habe »nicht in erster Linie ein[en] politische[n] Text« geschrieben. Das sehe ich genauso: Die von ihm ausgearbeitete Ethik des Rechts des Anderen wäre, in Politik transformiert, eine fast schon totalitäre, müßte man für ihre Durchsetzung doch Menschen Werthaltungen aufzwingen. Die Ethik des radikalen Recht des Anderen ist, wie die christliche, wie die stoische Ethik, eine Ethik, die in einem freiheitlichen Rechtsstaat politisch nicht verordnet werden darf. Was mspro ausarbeitet, ist in der Tat eine persönliche Ethik: Eine Tugendethik. Wo Augustinus die christliche Ethik auf sein dilige et quod vis fac, »liebe, und dann tu was du willst«, komprimiert, ist mspros Ethik »sei öffentlich, und dann tu was du willst«. Augustinus so einfache Richtschnur ist in der Praxis eine Ethik für Heilige: Welcher normale Mensch kann in allen Lebenssituationen lieben? mspros so einfache Richtschnur ist in der Praxis eine Ethik für Übermenschen: Welcher normale Mensch vermag in allem öffentlich sein? (Freilich ist bereits bei Levinas die Unmöglichkeit angelegt: Der Anspruch, den das Antlitz des Anderen auferlegt, ist prinzipiell unendlich und unerfüllbar, der ethische Anspruch ist also nicht einlösbar.)

Insofern ist mspros Ethik des Anderen kein Beitrag zu einer politischen Debatte des Wandels der Öffentlichkeit unter den Bedingungen des Netzes. Und dennoch gipfelt der Katalog an Forderungen in einer politischen Forderung:

Alle Schleusen auf! Alle Gesetze, Verordnungen und moralischen Schranken, die der Filtersouveränität im Weg stehen, müssen beseitigt werden.

Auch hier wird wieder gut nietzscheanisch gedacht: Die Umwertung aller Werte, alle überkommene Moral muß aufgegeben werden, und an ihre Stelle tritt der Übermensch, der den Kontrollverlust umarmt. mspro schreibt auch »Wer Informationen von sich preisgibt, abrufbar macht – egal ob es sich um sogenanntes ›geistiges Eigentum‹ handelt oder um private Daten – der handelt ethisch.« Bliebe es dabei, wäre es eine durchaus zustimmungsfähige Ethik. Wird der Gedanke der Filtersouveränität des Anderen aber derart weitergetrieben, daß aus dem Recht und der Rechtfertigung, Daten öffentlich zu machen, eine Pflicht wird, wird es problematisch. Exakt das fordert mspro expressis verbis:

Vorauswahl von Information ist ein Eingriff in die Filtersouveränität des Anderen. Alles, was wir Informationen unzugänglich machen (z.B. durch Netzsperren), sei es, indem wir Dinge nicht publizieren, indem wir Dinge zurückziehen, indem wir Informationen löschen, schränkt die Filterfreiheit des Anderen ein. Wir haben dazu kein Recht.

An die Stelle der Sklavenmoral, die die Welt in gut und böse unterteilt (mspro: »Und 3. gibt es keine ›böse‹ oder ›gute‹ Information«), die moralische Grenzen aufstellt, tritt eine Herrenmoral:

Verachtet wird der Feige, der Ängstliche, der Kleinliche, der an die enge Nützlichkeit Denkende; ebenso der Mißtrauische mit seinem unfreien Blicke, der Sich-Erniedrigende, die Hunde-Art von Mensch, welche sich mißhandeln läßt, der bettelnde Schmeichler, vor allem der Lügner – es ist ein Grundglaube aller Aristokraten, daß das gemeine Volk lügnerisch ist. »Wir Wahrhaftigen« – so nannten sich im alten Griechenland die Adeligen. (Nietzsche, »Jenseits von Gut und Böse«, § 260)

Verbunden mit der zweiten Forderung – »Es ist es das radikale Recht des Anderen zu beurteilen, was Information ist und was nicht.« – zeigt sich die Reichweite dieser Forderungen.

Die von mspro angeführten Beispiele sind durchaus konsensfähig: Die Wikipedia, die wegen Ehrpusseligkeiten um Relevanzkriterien weniger statt mehr Wissen bereitstellt. Der Rundfunkstaatsvertrag, der öffentlich finanzierte Inhalte der Öffentlichkeit entzieht. Der Google-Street-View-Protest, der Straßen und Plätze privatisiert. Aber StreetView war nur der Anfang: Die technische Emulation eines Fußgängers, der seine Panoramafreiheit wahrnimmt, um von allgemein zugänglichen Plätzen aus zu fotografieren. Zunehmend wird die Unterscheidung von herkömmlicher Öffentlichkeit und digitaler Öffentlichkeit verschwimmen. Bereits jetzt gibt es mit Google Maps und besonders mit Bings Birds-Eye View Dienste, die mehr leisten als Cyborg-Fußgängerin zu sein. Die Positionsbestimmung anhand von privat betriebenen, aber technisch bedingt auch in die Öffentlichkeit strahlenden WLAN-Routern ist das beste Beispiel für Kontrollverlust: WLAN-Router waren nie dazu gedacht, anderen als den Benutzenden zu nützen, sie waren nie dazu gedacht, etwas anderes als kabellosen Netzwerkzugriff zu liefern – und doch fällt als Kollateralnutzen die Positionsbestimmung ab. Außer Funkwellen strahlt noch vieles mehr ungeplant in die Öffentlichkeit: Wärme, die mit Infrarotkameras sichtbar gemacht werden kann, Schallwellen, die als Vibrationen auf Fensterscheiben aufgezeichnet werden können. Es ist davon auszugehen, daß die dafür benötigte Technik immer billiger und verfügbarer wird – was heute noch nach paranoider Geheimdienstphantasie klingt, kann morgen schon bei Engadget gefeatured und übermorgen bei Pearl verramscht werden. Die Unterscheidung in aktive Überwachung und passives Auffangen der ohnehin irgendwie öffentlichen Daten wird ähnlich akademisch wie die Unterscheidung von aktiver und passiver Sterbehilfe unter den Bedingungen des medizinischen Fortschritts.

Umarmt man den Kontrollverlust, vermag man den Kontrollverlust zu umarmen, ist das zu tragen.

Aber für wen ist das zu tragen? Die großen Verfechter von Post-privacy – sei’s praktisch Mark Zuckerberg, seien es theoretisch Jeff Jarvis, mspro oder Christian Heller: Alles weiße Mittelklassemänner, soweit ich weiß heterosexuell und damit – wie natürlich auch ich – in der komfortablen Situation, die meisten Minderheitspositionen und -situationen nicht am eigenen Leibe zu kennen. Aus dieser Position ist es tragbar, den post-privaten Übermenschen zu geben. Und, zugegeben: Die befreiende Kraft von Wahrheit, Transparenz und Offenheit ist plausibel. Das Beispiel der Homosexuellen, die man nicht mehr als abnorme Ausnahme darstellen kann, gibt es doch zwischen Loveparade und Rotem Rathaus überall geoutete Homosexuelle, ist nicht zu wiederlegen. Indes: Es braucht eine kritische Masse. Und bis diese kritische Masse aufgebaut ist, braucht es den Schutz der Anonymität, der Privatsphäre, der nichtöffentlichen Räume. »Wir haben abgetrieben« auf dem Stern-Titel ist ein Schritt, der erst möglich ist, nachdem man sich einer kritischen Masse versichert hat – konspirativ, geheim. Widerstand gegen Machthaber ist nur dann aussichtsreich, wenn es konspirative Zirkel gibt als Bedingung der Möglichkeit von öffentlichen Protesten, die ihrer schieren Masse wegen nicht einfach weggewischt werden können.

Die totale Filtersouveränität des Anderen ist eine Utopie: Eine Utopie, die auf einen informationellen Übermenschen angewiesen ist, der keine Scham, kein Bedürfnis nach Intimität kennt, der so abgehärtet ist, daß keine Beleidigung, keine allzu ehrliche Meinung des Anderen durch seine (nicht nur technischen) Filter schlüpft.

Für Nietzsche wären diese Einwände Sklavenmoral. Sklavenmoral ist es, die anerkennt, daß nicht alle Christen das Zeug zum Märtyrer haben, Sklavenmoral ist es, die dem Anderen auch zugesteht, auch weiter der radikal Andere, der Unverstandene, das unverfügbare Geheimnis zu sein.

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20 Gedanken zu „Der post-private Übermensch“

  1. „Und bis diese kritische Masse aufgebaut ist, braucht es den Schutz der Anonymität, der Privatsphäre, der nichtöffentlichen Räume.“

    Ich nehme an, dass das ohnehin auf einen jeweils konkreten Fall (im Beispiel die Homosexualität) bezogen war und nicht auf den Gedanken des Aufbaus einer „kritischen Masse“ (an Übermenschen) als solche?

    Das würde für mich nämlich fast in so eine Richtung „Ende der Geschichte“ deuten. Es wird ein solches Ende – denke ich – nicht geben. Die Themen deretwegen man sich in einer, zuweilen krassen, zuweilen diskriminierten Minderheitsposition befinden kann werden nicht ausgehen, gänzlich neue werden durch unsere Weiterentwicklung, neue Themen, neue Herausforderungen, neue gesellschaftliche Verhärtungen und Mehrheitsmeinungen hinzukommen. Einen Menschen ohne Gruppenidentität (und folgenotwendigen Gruppenexklusionstendenzen) kann ich mir – bis auf weiteres – noch nicht vorstellen, und vermute auch, dass dieser nicht wünschenswert wäre. Die „Gruppe“ als solche ist eine Voraussetzung/Konstruktion unseres „Nicht-Nur-Aber-Eben-Auch“ sozialen Daseins.

    Woran ich tendentiell schon auch glaube: dass zunehmende Öffentlichkeit des zuvor Privaten auch mitverursachen wird, dass wir langsam toleranter werden, im Sinn eines „Selbst wenn ich das konkrete Sein des Anderen nicht verstehe, oder gar entsetzt bin, habe ich gelernt, dass wir alle irgendwo auch schräg sind, anders sind, Minderheit sind“. Damit würde in Wechselwirkung wohl auch das Bedürfnis nach Intimität und Privatheit im Sinn von „Schutz vor dem Druck der Gruppe/Gesellschaft“ tendentiell abnehmen. Das ändert aber eben nichts daran, dass dieser Schutz als Option notwendig bleiben wird. Wir werden immer Konflikte haben und wir werden daher auch immer die (Schutz-)option brauchen, das Recht auch selbst filtern zu können, was dem Anderen zugänglich wird und was nicht.

  2. Vielen Dank für diesen Text, der IMHO die beiden wichtigsten Fragen an den Blogpost Michael Seemanns bzw. an dessen Autor stellt:
    – Für wen wäre eine solche Ethik tatsächlich lebbar? (Stichwort weiße Mittelklassemänner.)
    – Warum mündet der explizit als unpolitisch apostrophierte Text zum Ende hin in eine glasklare politische Forderung (Stichwort alle Schleusen auf)?

    1. So kompakt kann man’s natürlich auch formulieren – dann müßte der Autor dieses Blogs aber auf die kindliche Freude an geisteswissenschaftlichen Girlanden verzichten.

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