Des g'hört so, ich kann mir's leisten, also habe ich es gekauft

Zu Maria Immaculata war ich im Antiquariat Nonnenmacher und habe mich gleich in die Thomas-Mann-Tagebücher in 10 Bänden gebunden im Schuber verliebt. Nur war leider der Chef nicht da, also vertröstet man mich des Preises wegen auf morgen, also heute. Heute war ich wieder da.

Hallo. Ich komme wegen den Mann-Tagebüchern. – Meinen Sie die mit den Labyrinthen?

Ich konnte den werten Händler dann doch noch überzeugen, daß ich keine Mandalabücher will – was denken diese Leute von mir? Sehe ich aus, als studierte ich SozPäd? – und habe nun für 60 Euro sämtliche Tagebücher Thomas Manns. O fortuna!

Pfarrers Kinder, Lehrers Vieh …

Sollte ich jemals Kinder haben, werde ich ihnen verbieten, in die Schule zu gehen. Grund: die Lehrer. Ich habe den großen Fehler gemacht, ein für’s EPG ausgeschriebene Seminar zu besuchen. »Typen ethischer Argumentation« – an sich durchaus interessant, wenn nicht die unsäglich qualifizierten künftigen Lehrer wären. Der Eskimo läßt seine Oma auf einer Eisscholle abtreiben (no pun intended)? – Wenn’s denn zu seiner Kultur gehört: soll er doch, und wenn wir den Eskimo an sich bitten, doch bitte das Lebensrecht seiner Oma zu bedenken: Kulturimperialismus. Lebensrecht erst ab Geburt? Unsere Lehrer in spe finden: natürlich; wenn man nämlich das Kind nicht sieht, kann es uns nicht sagen, daß es lieber nicht spätabgetrieben werden wolle.

Zaphod Beeblebrox läßt grüßen.

Μέγα βιβλίον, μέγα κακόν

Die klassische Insel-Frage nach den drei Büchern ist an sich einfach zu beantworten: Als umfassend gebildeter Mensch sagt man schnell etwas wie Ulysses, Á la recherche de temps perdu und (für die ganz Avantgardistischen) Zettel’s Traum.

Spannend wird es, wenn man wirklich vor der Situation steht: Ich ziehe morgen aus dem geräumigen Speicher meines Elternhauses aus in ein Zimmer von 12 Quadratmetern. Was also mitnehmen? Nachdem ich mich für eine einzige Bücherkiste entschieden hatte, fielen Britannica, Brockhaus, LThK, Kindler, Fischers Weltgeschichte und meine Duden-Sammlung leider weg.

Was also braucht man wirklich? Meine Bücherkiste: Die Bibel, Gotteslob und Stundenbuch (wenn das hier so weiter geht, muß ich mich bald doch noch als Besitzer eines katholischen Blogs bezeichnen!), zwei Duden (die 20. und die 22. Auflage), Pfeifers Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Wilperts Lexikon der Weltliteratur – und zwei Bücher von Döblin, die auf meinem Lesestapel lagen. Wie man ohne Arno Schmidt, Thomas Mann, Bert Brecht und Kurt Tucholsky greifbar zu haben lebt: Demnächst mehr davon.

Target marketing

Ich bin ein Apologet der Bahn. Wohlgemerkt: des Verkehrsmittels Bahn, nicht der Die Bahn. Daher lese ich öfter die im Zug ausliegenden wohlfeilen Magazine. Dieser Tage Mensch & Büro. Für diejenigen, die diese Publikation nicht kennen (ich verschrieb zunächst freudsch »nicht können«; gerade in diesem speziellen Fall ist aber »kennen« zweifelsfrei das Kausativum zu »nicht können«): der zeitschriftgewordene Geist neureicher Architekturphantasie, mit Rubriken wie »■RAUM Licht« [sic!] und dem Untertitel »Das Trendmagazin für den Lebensraum Büro«.

Nun sollte man denken, daß – nach zur Zeit vielbemühten Studien – die Schnittmenge aus der Zielgruppe eines solchen Machwerkes und Bahnfahrern überproportional viele Sympathisanten der Grünen (neuerdings auch Partei der besserverdienenden metrosexuellen Bürger) enthält.

Hand aufs Herz: sollte, lieber Chefredakteur mit der Sigel klü, man es dann nicht in Glossen (übrigens zur zwar zugegeben albernen, aber durchaus verständlichen Forderung, den Mehrwertsteuersatz für Currywurst zu heben) vermeiden, von grünen Grünkernbeißern und Sauerkrautsaft-Fans zu schreiben?

Wanderer, kommst Du nach Spa…

Man kennt diese modernen Reisenden […] Ihr leichtes und bequemes Gepäck enthält Nahrungsmittel für einen Wolkenkratzer, Instrumente für ein Schlachtschiff und Waffen für eine Armee. Ein Buch darf es nicht enthalten. Ich wünschte, ich wäre so reich, daß ich einen Preis für vernünftiges Reisen ausschreiben könnte: zehntausend Pfund für denjenigen, der als erster die Reise Marco Polos unternimmt und dabei pro Woche drei Bücher liest, und noch einmal zehntausend Pfund, wenn er außerdem täglich eine Flasche Wein trinkt. — Robert Byron, »Der Weg nach Oxiana«

Relativitätstheorie

Es ist schon bizarr: Mir, kinderlos, aber bibliophil, gehen thüringische Bücher fast näher als russische Kinder. Da es aber sicher deutlich mehr sind, bei denen die Wertigkeiten vertauscht sind, habe ich kein schlechtes Gewissen, für den Wiederaufbau der Anna-Amalia-Bibliothek gespendet zu haben. Sollte es noch mehr Menschen meiner verschobenen Moral geben:

Gesellschaft Anna-Amalia-Bibliothek
Sparkasse Mittelthüringen
Kontonummer 301 040 400
Bankleitzahl 820 510 00.

Karitas Christi urget nos

Der neue Duden ist da und bringt ein neues Feature mit für die Generation Analphabet: Kästchen mit richtiggeschriebenen Wörtern an Stellen, wo man die Falschschreibung erwartet, so zum Beispiel »Charisma« zwischen dem Karischen Meer und der Karitas.

Doch nicht genug: Auch Lebenshilfe für politisch korrekte Menschen wie mich gibt es in solchen roten Kästen: Zwergwüchsige werden zum Beispiel lieber kleinwüchsig genannt, man erfährt zum wiederholten Mal, wie Nicht-Gadsche genannt werden sollen (das Lemma »Klatschi« fehlt aber) – und natürlich das obligatorische Caveat s.v. »Neger«, die man zum Beispiel »Afroamerikaner« oder »Afrodeutsche« nennen darf.

Ein bizarrer Nationalismus: Man stelle sich so möglichgewordene Dialoge auf dem Dorfe vor: »Stell dir vor, die A– hat einen Afrodeutschen geheiratet!« – »Schlimmer! Schlimmer! Einen Afroschweizer sogar!«

Sophistes

Titus Gast veröffentlichte in der Telepolis den Artikel Geschichten aus dem orthografischen Märchenwald, in dem er 7 Lügen über die Rechtschreibreform »aufdeckt«.

Die Rechtschreibreform greift massiv in unsere schöne deutsche Sprache ein und verändert sie.

Sein Argument: Die Reform greift nicht in die Sprache, sondern nur in ihre Verschriftung ein. Korrekt wäre: Eine Rechtschreibreform sollte nur in die Schrift eingreifen – über die neuen Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung werden sprachliche Ausdrucksmittel verwischt. (»Was Gott tut, ist wohl getan.«)

Als nächstes Argument wird die »Lüge« aufgegriffen, daß die Reform den Bürgern aufgezwungen wurde.

Sicherlich wäre eine Volksabstimmung eine feine Sache gewesen. […] Betrachtet man sich aber die Gruppen, für die sie verpflichtend ist, dann erscheint ein solches Vorgehen fast schon unsinnig, schließlich müsste man dann nach der gleichen Logik die Schüler auch über Lehrplanänderungen und Schulreformen abstimmen lassen, Angestellte und Beamte müssten demzufolge auch befragt werden, ob sie beispielsweise einer Verlängerung ihrer Wochenarbeitszeit zustimmen würden.

Und das in einem tendentiell linken Magazin: Man stelle sich vor, die Arbeiter würden befragt werden, ob sie beispielsweise einer Verlängerung ihrer Wochenarbeitszeit zustimmen würden – dann hätten wir ja (horribile dictu!) eine Gewerkschaft! Oder, im anderen Falle: SMVs und AStAs!

Schade, daß Telepolis sich hier die Chance entgehen hat lassen, einen ihrer beliebten wirtschaftskritischen Artikel zu schreiben, war »Bertelsmann hat schon gedruckt« doch ein Argument, die Reform durchzudrücken.

Dritte »Lüge«, »idiotische Schreibweisen«, »Delfin« et.al. Entkräftung: Man dürfe ja beides. Prima. Konsequent wäre eine italienische Lösung gewesen mit »Filosofie« und »Ortografie« – aber mit Zwittern wie eben »Orthografie« ist keinem wirklich geholfen, und für den Rest hätte der deskriptive Ansatz der Wörterbücher ausgereicht. Ob nun »Portemonnaie« (alt) oder »Portmonee« (neu) – nachschlagen muß man beides (wo ist eigentlich das zweite n geblieben?). Für eine wirklich »logische« Regelung hätte es hier einer immer (!) anzuwendenden phonetischen Transkription bedürft.

Zusammengesetzte Substantive werden abgeschafft.

Wer behauptet denn sowas? Die Verbzusammenschreibung ist mißlungen; die Bindestrichregelung bei Substantiven ist durchaus sinnvoll, wenn sie nicht übermäßig angewandt wird.

Fünfte Lüge. Die Schriftsteller und Journalisten seien eben keine geeigneten Kritiker.

Hier melden sich lautstark Menschen zu Wort, die gar nicht betroffen sind

Die Journalisten sind natürlich betroffen, aber das ist gar nicht der Punkt: Natürlich melden sich Schriftsteller zu Wort, genau wie es Journalisten auch getan haben – und diverse Sprachwissenschaftler. Es ist eine unfaire Diskussionsweise, den Fürsprechern der Gegenseite die Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen, die der eigenen (also Politikern; von der zwischenstaatlichen Kommission ist kaum die Rede) aber nicht zu hinterfragen.

Die Reform stiftet nur Verwirrung. Das sieht man jeden Tag in den Print- und Online-Medien, da wimmelt es nur noch so von Fehlern.

Diese »Lüge« wird damit entschuldigt, daß man im Lektorat spart. Außerdem gibt Gast zu, daß man sich bei der Reformierung nach der Rechtschreibkorrektur des Computers richtet. Prima. Wozu der Computer, wenn ohnehin alles so einfach und logisch geworden wäre?

Die vermehrten Fehler sind hauptsächlich Hyperkorrekturen auf dem Gebiet der Getrenntschreibung – was auch nicht verwundert, muß man doch, um korrekt nach neuer Rechtschreibung zu schreiben, die Partikelliste auswendiglernen.

In der siebten »Lüge« geht es um Statistiken. Die lügen ohnehin, und außerdem will ich auch keine basisdemokratische Sprache. Basisdemokratische Sprache ist »Mandy’s Imbiss Bude«. Sinnvoll wäre weiterhin eine deskriptive Lexikographie mit einer Neuformulierung der alten Regeln, wie es Theodor Ickler getan hat.

Der Artikel sollte die 7 Wahrheiten über die Schlechtschreibreform der BILD entkräften. Die sind (daß ich so etwas einmal sagen muß …) im wesentlichen zutreffend, wenn auch teilweise übertrieben (Die Rücknahme der Reform kostet nichts! glaubt hoffentlich keiner ernsthaft, und »verfassungswidrig« ist auch eine sehr plakativ-übertrieben Interpretation).

Das Engagement der BILD sehe ich im übrigen sehr kritisch: Einerseits hilft es der Sache (welcher Politiker könnte in so einer Bagatelle ernsthaft gegen die BILD entscheiden?), andererseits macht die BILD weiterhin widerliche Schmierenpropaganda, unbeleckt von Anstand und sachlicher Richtigkeit – gerade jetzt kommt das BILDblog genau zur richtigen Zeit.