Liebe Wählerinnen und Wähler!

Auch der politische Gegner kann es jetzt nicht mehr leugnen: Der Wählerwille ist eindeutig. Es gibt in diesem unserem Land eine Mehrheit diesseits der Mitte. Damit haben wir gezeigt, daß unsere Konzepte zur sozialen Sicherung und zur gerechten Gestaltung des Steuersystems ein Ausweg sind. Heraus aus dem ständigen bergab, das unser Gegner mit seiner verhängnisvollen Politik in den letzten Jahren mit Blockade und Verschleppungstaktik provoziert hat.

So kann das, ich betone das in aller Deutlichkeit, nicht weitergehen — und mit uns wird das auch grundlegend anders. Dieses Wahlergebnis hat gezeigt: das Volk will uns. Und nicht diese abgetakelten Leichtmatrosen. Und das Wahlergebnis hat noch etwas gezeigt: diese Herren sind Vergangenheit; der politische Gegner wurde völlig zurecht abgestraft. Und das ist es, was wir unseren Wählern schuldig sind: die konzentrierte Beibehaltung unseres Wahlprogramms als Kernstück eines zukunftweisenden Parteiprogramms: Wir sind eine Partei, weil wir eine Partei sein wollen!

Auch die wirtschaftliche Entwicklung hat sich in keiner Weise, das kann auch von unseren Gegnern nicht bestritten werden, ohne zu verkennen, daß in Brüssel, in London die Ansicht herrscht, die Regierung der Bundesrepublik habe da und meine Damen und Herren, warum auch nicht?

Eins steht doch fest, und darüber gibt es keinen Zweifel, wer das vergißt hat den Auftrag des Wählers nicht verstanden: wir haben gewonnen und die haben verloren und das ist auch gut so, meine Damen und Herren.

St. Bürokratius

Klagelied eines Angestellten: Die Firma sei mit dem Anliegen gestartet, möglichst wenig Bürokratie zu betreiben, und jetzt betreibt sie die Bürokratie in lähmenden Exzessen.

Das wundert mich überhaupt nicht: Der Ansatz, möglichst wenig Bürokratie (im Sinne von Verwaltung) zu haben, beruht auf der völlig falschen Annahme: Verwaltung ist böse. Das Gegenteil ist wahr: Ohne effektive Verwaltung läuft gar nichts. Deshalb ärgert es mich auch immer wieder, wenn Leute bei Spenden darauf bestehen, daß das Geld nicht für Verwaltung verwendet wird.

»Möglichst wenig Bürokratie« ist der gleiche Ansatz wie »Möglichst wenig Räder am Auto« – natürlich kann man alle abmontieren, aber dann bleibt das Auto eben stehen. Das ist übrigens der gleiche Denkfehler, der dem deutschen Verbandskatholizismus Funktionärschristentum vorwirft: wir in den Verbänden sehen zwar die Vision eines Reiches Gottes, auf dessen Verwirklichung wir mit unserer Arbeit hinarbeiten – wir sehen aber auch, daß es für diese Arbeit auch Martha braucht. Aber am meisten frage ich mich, wie jemand den Verbänden solche Vorwürfe machen kann, der selbst die Amtshierarchie aus dem Effeff kennt.

Klagelied eines Angestellten: Die Firma sei mit dem Anliegen gestartet, möglichst wenig Bürokratie zu betreiben, und jetzt betreibt sie die Bürokratie in lähmenden Exzessen.

Das wundert mich überhaupt nicht: Der Ansatz, möglichst wenig Bürokratie (im Sinne von Verwaltung) zu haben, beruht auf der völlig falschen Annahme: Verwaltung ist böse. Das Gegenteil ist wahr: Ohne effektive Verwaltung läuft gar nichts. Deshalb ärgert es mich auch immer wieder, wenn Leute bei Spenden darauf bestehen, daß das Geld nicht für Verwaltung verwendet wird.

»Möglichst wenig Bürokratie« ist der gleiche Ansatz wie »Möglichst wenig Räder am Auto« – natürlich kann man alle abmontieren, aber dann bleibt das Auto eben stehen. Das ist übrigens der gleiche Denkfehler, der dem deutschen Verbandskatholizismus Funktionärschristentum vorwirft: wir in den Verbänden sehen zwar die Vision eines Reiches Gottes, auf dessen Verwirklichung wir mit unserer Arbeit hinarbeiten – wir sehen aber auch, daß es für diese Arbeit auch Martha braucht. Aber am meisten frage ich mich, wie jemand den Verbänden solche Vorwürfe machen kann, der selbst die Amtshierarchie aus dem Effeff kennt.

Unendliche Datenbank

Ohne das Internet wüßten wir nur halb soviel (dafür wäre die signal-to-noise ratio in Sachen Wissen deutlich besser); dennoch: die On-Line Encyclopedia of Integer Sequences ist wenigstens offensichtlich eher weniger sinnvoll und versteigt sich nicht in das prätentiöse Gehabe des Enzyklopädisten manqué:

Since the mid-1960’s Neil Sloane has been collecting integer sequences from every possible source. His goal is to have all interesting number sequences in the table.

Allerdings: Wirklich alle? Als mittlerweile logisch geschulter Philosoph denkt man dabei doch (wg. bekanntem und daher nicht weiter auszuführenden Beweis) gleich an die Vergeblichkeit wg. Unendlichkeit dieses Projektes.

Und selbst wenn man dann noch die bestehende Datenbank z. B. mittels Cantor unendlich groß macht: Gödel.

Sprachliches, Allzusprachliches

Die Grüne Jugend gibt eine Pressemeldung heraus. Ich habe nur den ersten Absatz der Version gelesen, die über den Presseverteiler ging. (Online sind die gröbsten Fehler schon korrigiert.)

„Schön das es ein Novum zu sein scheint, morgens um 5.30Uhr ein Interview zu geben, aber inhaltlich bringen die Aussagen von Böhning und Mißfelder den jungen Menschen wenig. Auf einem völlig neuen Kurs, versucht sich Philipp Mißfelder als Sozialstaatsreformierer. Das er als elementaren Bestandteil eines wie auch immer gearteten Generationenpaktes, eine höhere Zahl von HochschulabsolventInnen sieht, dann ist dies der andere Pol der aktuellen Unionspolitik.

Ist man schon konservativ, wenn man seine Texte vor Veröffentlichung korrekturliest?

Kreativspam

Spammer sind leider nur begrenzt kreativ. Heute kam aber der bisher beste Versuch, Bayes-Filter auszutricksen. (Aus Jugendschutzgründen habe ich den Text leicht umgestellt.)

  Sandkasten      begeistert      Allerdings      Daran   muss                  Appetit     geschafftmit     spielten          niemals       lang     fiel      eigentlich      Stein   rang
  Allerdings      Tannenbaum      aussehende      zeigt   sich                eigentlich   sehnlichster      verkauft        dieSchiene      Gras    Bein       Grossvater      Tatze   fahr
  glitzerten      verspreche      klatschten      begann  fast               Grossmutter   wartenlieber      aussieht       Streichholz      Else   Theo        Schlammbad      Garten  ging
  dich            drei            lass            meinte  Haut               vorm     im       habe            Star         bekam    Zu      Papi  zeig         sehe            linken  vorn
  trat            Satz            laut            Borsten Gans               Kran              gern            Kopf        lenke             geht Bald          egal            kleines Nest
  dieSchuhe       dasKathrin      Schwanzden      bedankt wach               farbigen          fing            kaum        laut              streifen           Eierkuchen      grimmig fiel
  ebenfalls       Spielplatz      Sahnetorte      Nase tu wild                nachdenkt        habe            also        Hahn              Basars             davon.Ihre      geht In half
  Riesenrad       Abenteuern      demrechten      Tage knurrte                 sofortauf       hoch            lieb        Bild              erkennen           Bahnhofvon      sieh klopfte
  Alle            mehr            Gans            Ruhe  Moment                    wurdest      Dann            Papi        brav              mein mehr          lass            Nest  Willen
  komm            Dorf            flau            Zeit  gingen                       rote      riss            Bord        gutes             mein  Evas         Bald            wird  hastig
  Hand            dich            gibt            9.Da  solche               da      dich      habe            raus         zeige    of      Bett   Dach        egal            trat  werden
  Lars            Stewardess      Schlammund      Rand   Heute               Bahndammkam       Bett          nochmehr       anschnallen      Nest   riss        abgerissen      Sagt   jeden
  kurz            streichelt      Tannenbaum      dein   Zunge               Sieerkannte       sind          ludensie        lecken.Das      Hund    sind       Engagement      warf   liess
  Star            Seindickes      stolperten      geht    Dann                scharfen         wohl          durchden          klopfte       Hund     Bord      wolltenach      nahm    vorn

In allen vier Ecken/Soll Liebe drin stecken

These: Jeder große Denker läßt sich als Steinbruch für Poesiealben mißbrauchen.

Beweise:

  • »Die wissende Heiterkeit ist ein Tor zum Ewigen.« (Heidegger, Sein und Zeit)
  • »Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt.« (Wittgenstein, Tractatus Logico-Philosophicus)

Die dünne Patina der Zivilisiertheit

Audimax. Das KHG-Orchester gibt »Der gerettete Alberich« von Christopher Rouse und Mahlers vierte. Soweit, so zivilisiert. Mehr oder weniger gut gewandete Menschen, Musiker in schwarz – aber im Publikum ein etwas abgerissen aussehender Mann. Um den Kopf ein Tuch als Stirnband gewickelt, Kniebund-Wanderhosen, wilde Frisur, mitten auf dem Boden sitzend. Dann und wann turnt er auf den Tischen und Klappsitzen herum, albert mit einem kleinen Kind herum – alles reichlich ungelenk (ob durch Drogen oder Behinderung: ich weiß es nicht).

Jedenfalls – da er auch reichlich laut dabei ist – wird er gebeten, zu gehen. Aufruhr; er beklagt sich lauthals, rennt durchs Audimax, es kommt fast zu einer Schlägerei. Man weiß nicht, wem die eigenen Sympathien gehören: Dem offensichtlich nicht Zurechnungsfähigen, der nur deshalb vom Konzert entfernt werden soll, oder den Leuten, die ihn um des restlichen Publikums willen draußenhaben wollen.

Das Publikum indessen weiß nicht, wie es sich verhalten soll. Vereinzelt Lachen – aber die meisten haben wohl bemerkt, daß das nicht nur eine interessante Pausenattraktion ist, sondern (man verzeihe mir den Pathos) sehr grundlegend einiges hinterfragt. Sobald nur ein einziger sich nicht an die Konventionen hält, bricht unser schöner zivilisierter Elfenbeinturm zusammen – und mit einen Schlag sind wir wieder bei der Frage nach Legitimierbarkeit von Ethik. Da ergibt sich, daß Moral-Predigen leicht, Moral-Begründen schwer ist. (Schopenhauer, »Über den Willen in der Natur«)