Relativitätstheorie

Es ist schon bizarr: Mir, kinderlos, aber bibliophil, gehen thüringische Bücher fast näher als russische Kinder. Da es aber sicher deutlich mehr sind, bei denen die Wertigkeiten vertauscht sind, habe ich kein schlechtes Gewissen, für den Wiederaufbau der Anna-Amalia-Bibliothek gespendet zu haben. Sollte es noch mehr Menschen meiner verschobenen Moral geben:

Gesellschaft Anna-Amalia-Bibliothek
Sparkasse Mittelthüringen
Kontonummer 301 040 400
Bankleitzahl 820 510 00.

Karitas Christi urget nos

Der neue Duden ist da und bringt ein neues Feature mit für die Generation Analphabet: Kästchen mit richtiggeschriebenen Wörtern an Stellen, wo man die Falschschreibung erwartet, so zum Beispiel »Charisma« zwischen dem Karischen Meer und der Karitas.

Doch nicht genug: Auch Lebenshilfe für politisch korrekte Menschen wie mich gibt es in solchen roten Kästen: Zwergwüchsige werden zum Beispiel lieber kleinwüchsig genannt, man erfährt zum wiederholten Mal, wie Nicht-Gadsche genannt werden sollen (das Lemma »Klatschi« fehlt aber) – und natürlich das obligatorische Caveat s.v. »Neger«, die man zum Beispiel »Afroamerikaner« oder »Afrodeutsche« nennen darf.

Ein bizarrer Nationalismus: Man stelle sich so möglichgewordene Dialoge auf dem Dorfe vor: »Stell dir vor, die A– hat einen Afrodeutschen geheiratet!« – »Schlimmer! Schlimmer! Einen Afroschweizer sogar!«

Sophistes

Titus Gast veröffentlichte in der Telepolis den Artikel Geschichten aus dem orthografischen Märchenwald, in dem er 7 Lügen über die Rechtschreibreform »aufdeckt«.

Die Rechtschreibreform greift massiv in unsere schöne deutsche Sprache ein und verändert sie.

Sein Argument: Die Reform greift nicht in die Sprache, sondern nur in ihre Verschriftung ein. Korrekt wäre: Eine Rechtschreibreform sollte nur in die Schrift eingreifen – über die neuen Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung werden sprachliche Ausdrucksmittel verwischt. (»Was Gott tut, ist wohl getan.«)

Als nächstes Argument wird die »Lüge« aufgegriffen, daß die Reform den Bürgern aufgezwungen wurde.

Sicherlich wäre eine Volksabstimmung eine feine Sache gewesen. […] Betrachtet man sich aber die Gruppen, für die sie verpflichtend ist, dann erscheint ein solches Vorgehen fast schon unsinnig, schließlich müsste man dann nach der gleichen Logik die Schüler auch über Lehrplanänderungen und Schulreformen abstimmen lassen, Angestellte und Beamte müssten demzufolge auch befragt werden, ob sie beispielsweise einer Verlängerung ihrer Wochenarbeitszeit zustimmen würden.

Und das in einem tendentiell linken Magazin: Man stelle sich vor, die Arbeiter würden befragt werden, ob sie beispielsweise einer Verlängerung ihrer Wochenarbeitszeit zustimmen würden – dann hätten wir ja (horribile dictu!) eine Gewerkschaft! Oder, im anderen Falle: SMVs und AStAs!

Schade, daß Telepolis sich hier die Chance entgehen hat lassen, einen ihrer beliebten wirtschaftskritischen Artikel zu schreiben, war »Bertelsmann hat schon gedruckt« doch ein Argument, die Reform durchzudrücken.

Dritte »Lüge«, »idiotische Schreibweisen«, »Delfin« et.al. Entkräftung: Man dürfe ja beides. Prima. Konsequent wäre eine italienische Lösung gewesen mit »Filosofie« und »Ortografie« – aber mit Zwittern wie eben »Orthografie« ist keinem wirklich geholfen, und für den Rest hätte der deskriptive Ansatz der Wörterbücher ausgereicht. Ob nun »Portemonnaie« (alt) oder »Portmonee« (neu) – nachschlagen muß man beides (wo ist eigentlich das zweite n geblieben?). Für eine wirklich »logische« Regelung hätte es hier einer immer (!) anzuwendenden phonetischen Transkription bedürft.

Zusammengesetzte Substantive werden abgeschafft.

Wer behauptet denn sowas? Die Verbzusammenschreibung ist mißlungen; die Bindestrichregelung bei Substantiven ist durchaus sinnvoll, wenn sie nicht übermäßig angewandt wird.

Fünfte Lüge. Die Schriftsteller und Journalisten seien eben keine geeigneten Kritiker.

Hier melden sich lautstark Menschen zu Wort, die gar nicht betroffen sind

Die Journalisten sind natürlich betroffen, aber das ist gar nicht der Punkt: Natürlich melden sich Schriftsteller zu Wort, genau wie es Journalisten auch getan haben – und diverse Sprachwissenschaftler. Es ist eine unfaire Diskussionsweise, den Fürsprechern der Gegenseite die Satisfaktionsfähigkeit abzusprechen, die der eigenen (also Politikern; von der zwischenstaatlichen Kommission ist kaum die Rede) aber nicht zu hinterfragen.

Die Reform stiftet nur Verwirrung. Das sieht man jeden Tag in den Print- und Online-Medien, da wimmelt es nur noch so von Fehlern.

Diese »Lüge« wird damit entschuldigt, daß man im Lektorat spart. Außerdem gibt Gast zu, daß man sich bei der Reformierung nach der Rechtschreibkorrektur des Computers richtet. Prima. Wozu der Computer, wenn ohnehin alles so einfach und logisch geworden wäre?

Die vermehrten Fehler sind hauptsächlich Hyperkorrekturen auf dem Gebiet der Getrenntschreibung – was auch nicht verwundert, muß man doch, um korrekt nach neuer Rechtschreibung zu schreiben, die Partikelliste auswendiglernen.

In der siebten »Lüge« geht es um Statistiken. Die lügen ohnehin, und außerdem will ich auch keine basisdemokratische Sprache. Basisdemokratische Sprache ist »Mandy’s Imbiss Bude«. Sinnvoll wäre weiterhin eine deskriptive Lexikographie mit einer Neuformulierung der alten Regeln, wie es Theodor Ickler getan hat.

Der Artikel sollte die 7 Wahrheiten über die Schlechtschreibreform der BILD entkräften. Die sind (daß ich so etwas einmal sagen muß …) im wesentlichen zutreffend, wenn auch teilweise übertrieben (Die Rücknahme der Reform kostet nichts! glaubt hoffentlich keiner ernsthaft, und »verfassungswidrig« ist auch eine sehr plakativ-übertrieben Interpretation).

Das Engagement der BILD sehe ich im übrigen sehr kritisch: Einerseits hilft es der Sache (welcher Politiker könnte in so einer Bagatelle ernsthaft gegen die BILD entscheiden?), andererseits macht die BILD weiterhin widerliche Schmierenpropaganda, unbeleckt von Anstand und sachlicher Richtigkeit – gerade jetzt kommt das BILDblog genau zur richtigen Zeit.

Welches Schweinderl hätten'S denn gern?

Vertretern von Schulbuchverlagen, die argumentieren, daß Schulen alle Bücher austauschen müßten, wechselte man zur alten Rechtschreibung zurück, empfehle ich einen Besuch in Bruchsal. Am Schönborn-Gymnasium habe ich meine Homer-Vokabeln in Fraktur gelernt, am Paulusheim in der Schulbibliothek Sekundärliteratur aus den Zwanzigern benutzt.

Im übrigen: Wer behauptet, daß eine Rückkehr die armen Schüler vor ein unheilvolles Chaos stellen würde, sollte sich einmal die amtliche Regelung ansehen. Oder die Hausorthographie der dpa. Oder der Zeit. Oder der NZZ. Oder von Gruner + Jahr. Und früher war es ein Skandalon sondersgleichen, daß die FAZ Albtraum schrieb.

Woran das deutsche Bildungssystem krankt. Theil n+1

Um die Leistungen der Schule tiefer zu drücken, ist die Übersetzung aus dem Griechischen an die Stelle der Übersetzung ins Griechische im Abiturientenexamen getreten. Wer Proben dieser Leistungen gesehen hat und die Erfolge der Maßregel beurteilen kann, weiß, daß von den Schülern auf dem Papier zu viel verlangt ist, damit sie ungestraft zu wenig leisten können.

(Ulrich von Wilamowitz-Moellendorf, »Was ist übersetzen«, 1891, zitiert nach ders., Reden und Vorträge, Bd. 1, Berlin: Weidmannsche Verlagsbuchhandlung 1925)

Woran das deutsche Bildungssystem krankt. Theil n+2

Und wieder ist ein Sommerlager vorbei; diesmal hatten wir ziemlich viele junge Kinder zum ersten Mal dabei.

Eigentlich sollte jeder, der sich zum Bildungssystem äußern will, so eine Woche mit Kindern zusammenleben. Einiges Erschreckende kommt zu Tage: Achtjährige haben Probleme, rechts und links auseinanderzuhalten (wohlgemerkt – da wir ja immerhin ein katholisches Lager sind –: ein Alter, in dem die Kinder »hinreichende Kenntnis« zum Empfang der Eucharistie haben sollen), Zehnjährigen muß man zeigen, wie man Teller abtrocknet und fegt. (Übrigens: Begriffe wie Sakrament und Monstranz sind durchaus bekannt – irgendeine Zeichentrickserie oder ein Computerspiel im Stile der Pokémons nennt so besondere Waffen.)

Ich jedenfalls werde mich beizeiten um eine private Altersvorsorge kümmern – daß die mir Nachgeborenen meine Rente einmal zahlen (können), bezweifle ich.

Volksfrömmigkeit

Im Lager. Wir waren morgens in der Kirche – und seither liebt uns unser Hauswart. Klar: Auch wenn wir zwanzig Kinder und Leute mit seltsamen Frisuren und Städter sind – daß wir im Sonntagsgottesdienst waren, adelt uns ungemein. Nachmittags dann: Bibelarbeit. Schöpfungsgeschichte. Der notorisch neugierige Hauswart schleicht auf der Wiese herum und bricht mit unserem mitgebrachten Theologen Diskussionen vom Zaun: Er glaube ja nicht, was da in der Schöpfungsgeschichte steht, und die Kirche behaupte immer noch, daß das stimme und daß die Erde eine Scheibe sei und allerhand hanebüchenen Volksglauben mehr. Aber: Nur wer sonntags in die Kirche geht, ist ein guter Mensch.