netzpolitik.va – was die CDU vom Vatikan lernen kann

Die Netzpolitik der CDU ist bekanntlich verheerend. Alte Herren mit Kugelschreibern, Internetausdrucker, und überhaupt ist das Internet erstmal böse, dann virtuelle Flyerabwurfstelle, dann wieder böse und erst dann auch Chance für die Wirtschaft.

Das ist keine konservative Politik, das ist im wesentlichen populistische Realitätsverweigerung. Aber es geht auch anders: Aus dem Vatikan gab es bereits 2002 zwei hellsichtige Texte des Päpstlichen Rats für die sozialen Kommunikationsmittel (bei der Bischofskonferenz als Arbeitshilfe Nr. 163): Ethik im Internet (EiI) und Kirche im Internet (KiI).

Diese Texte sind moderner, vernünftiger und informierter als alles, was bei der CDU unter Netzpolitik firmiert. Anstatt sich per KNA-Interview an den Papst ranzuwanzen, um katholische Wähler zu überzeugen, sollte die Kanzlerin lieber diese Papiere für die CDU-Netzpolitik umsetzen.

Die beiden Texte von 2002 (!) sind erstaunlich: Nicht nur konservative Kulturkritik (und nicht mehr, als aus dem Vatikan allen Medien entgegengebracht wird), sondern vor allem eine gute Analyse von Chancen und Gefahren. Da finden sich keine »rechtsfreien Räume«, da wird das Medium von seinem Inhalt unterschieden, und vor allem: Da wird das Medium verstanden. Weder wird es überhöht, noch wird es von vornherein als das Böse aufgefaßt:

Das Internet besitzt eine Reihe erstaunlicher Eigenschaften. Es ist sofortig, unmittelbar, weltweit, dezentralisiert, interaktiv, unendlich erweiterbar in seinem Inhalt und seiner Ausdehnung und in beachtlichem Maße flexibel und anpassbar. Es ist egalitär in dem Sinne, dass jeder Mensch mit dem erforderlichen technischen Gerät und eher begrenzter technischer Gewandtheit eine aktive Präsenz im Cyberspace sein, seine oder ihre Botschaft vor der Welt darlegen und Gehör fordern kann. Es ermöglicht den Personen, ihre Anonymität zu wahren, in eine (andere) Rolle zu schlüpfen, in Phantasiewelten auszuweichen, aber auch Kontakt zu anderen herzustellen und die eigenen Gedanken zu teilen. Je nach den Neigungen der Nutzer kann es genauso gut zu aktiver Beteiligung dienen als auch zu passivem Aufgesaugt werden […] Es kann sowohl dazu benutzt werden, die Isolierung von Menschen und Gruppen zu durchbrechen, als auch sie noch weiter zu verstärken. (EiI, Nr. 7)

Und da das Medium verstanden wird, werden auch für Digital natives verständliche Schlüsse gezogen: Die Kirche hat ihre Kernkompetenz in der Moral, also gibt sie Richtlinien an die Hand für eine gute Internetbenutzung. (EiI Nr. 2) Und damit ist vor allem gemeint: Selber denken, darauf achten, was man veröffentlicht, mit Kindern gemeinsam das Internet nutzen und das Gesehene besprechen (KiI Nr. 11).

Natürlich ist das Papier genuin konservativ. Die Gefahren werden ausdrücklich benannt (EiI Nr. 10–14), die bekannte katholische Position zu Themen wie Werterelativismus, Pornographie und Gewaltdarstellungen wird dargelegt. Interessant ist aber, daß daraus keine panischen Schlüsse gezogen werden, wie es die CDU in ihrer populistischen Netzpolitik von Zensursula bis Strobl tut: Es wird ganz nüchtern benannt, daß online ohnehin das gleiche Recht gilt wie offline. Zusätzlicher Regelungsbedarf besteht nur da, wo er aus der Natur des Mediums kommt, »wie zum Beispiel die Verbreitung von Computerviren, de[r] Diebstahl persönlicher, auf Festplatten gespeicherter Daten u.ä.« (EiI Nr. 16)
Das Kapitel Gefahren beginnt aber nicht mit Verbrechensbekämpfung: Zuerst wird der Digital divide angesprochen und als ein Gerechtigkeitsproblem erkannt. (EiI Nr. 10) Das größte Problem ist also nicht, daß es das Internet gibt (was man bei der CDU denken könnte), sondern daß nicht alle an seinen Vorteilen teilhaben können.

Auch eine rechtliche Regulierung des Internets wird mit Augenmaß betrieben (»im Prinzip ist Selbstregulierung durch den entsprechenden Wirtschaftszweig das Beste.« EiI Nr. 16); die internationale Dimension wird erkannt und eine größere Zusammenarbeit angemahnt. (EiI Nr. 17). Der Text zitiert die Pastoralinstruktion Aetatis novae von Johannes Paul II.:

»Die Lösung der Probleme, die aus« (einer) … »ungeregelten Kommerzialisierung und Privatisierung entstanden sind, liegt jedoch nicht in einer staatlichen Medienkontrolle, sondern in einer umfassenderen Regelung, die den Normen des öffentlichen Dienstes entspricht, sowie in größerer öffentlicher Verantwortlichkeit«. (Aetatis novae, Nr. 5, zitiert nach EiI Nr. 16)

Der zweite Text, Kirche im Internet, ist für eine Neufassung einer CDU-Netzpolitik eher zweitrangig. Darin geht es darum, wie die Kirche das Netz nutzen kann. Dennoch gibt es auch ein paar Anhaltspunkte für eine vernünftige katholische Medienpolitik, zum Beispiel zum Thema Bildung zu mehr Medienkompetenz (KiI Nr. 7):

Über das Internet und die neue Technologie zu unterrichten beinhaltet mehr als nur den Unterricht über die Technik; junge Menschen müssen lernen, in der Welt des »Cyberspace« gut zu zurechtzukommen, einsichtsvolle Urteile entsprechend gesunder moralischer Kriterien über das zu fällen, was sie dort vorfinden, und die neue Technologie für ihre ganzheitliche Entwicklung und das Wohl der anderen zu gebrauchen.

Auch Jugendschutz wird angesprochen, wo es – gut konservativ – Aufgabe der Eltern ist, sich um die Kinder zu kümmern:

An die Eltern: Die Eltern müssen lernen »sich um des Wohles ihrer Kinder und um ihres eigenen Wohles willen die Fertigkeiten urteilsfähiger Zuschauer, Hörer und Leser anzueignen und zu praktizieren, indem sie als Vorbilder für den besonnenen Umgang mit den Medien fungieren«. (KiI Nr. 11)

Der Vatikan ist also netzpolitisch gut aufgestellt. (Praktisch nicht unbedingt, weder vatican.va noch der päpstliche Youtube-Channel sind sonderlich prickelnd.) Neben diesen beiden Grundlagentexten (durch die der Geist des Konzilsdokuments Inter mirifica weht) gibt es den Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, an dem jedes Jahr der Papst die Wichtigkeit der Medien betont.

Schon vor sieben Jahren war also der Vatikan mit seiner Netzpolitik der CDU heute um Jahre voraus. In Ethik im Internet schafft die Kirche es, gleichzeitig knallharte konservative Standpunkte zu vertreten und dabei nicht in die kulturpessimistische Falle zu gehen: Werterelativismus wird beklagt, aber das Internet ist eine Chance, um Werte zu propagieren. Hoffentlich finden sich Piraten in der CDU, die die römischen Positionen übernehmen.

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2 Gedanken zu „netzpolitik.va – was die CDU vom Vatikan lernen kann“

  1. Danke für den Reminder.

    Ich hatte die Texte damals gelesen und schon damals sehr gut gefunden.

    Geht der Text eigentlich auch auf das leidige Thema Urheberrechte ein? Traditionellerweise ist das der Kirche ja eher fremd. Man stelle sich vor, der hl. Thomas von Aquin hätte einen Franziskaner verklagt, weil dieser seine Argumente kopiert hätte. Die Schreibstuben mittelalterlicher Klöster waren doch die ersten „Filesharingsysteme.“ 😉

    1. Ja, Urheberrechte kommen vor, und zwar unter Nr. 17. Weils so schön ist, zitiere ich ausführlich:

      Viele schwierige und mit dem Internet zusammenhängende Fragen verlangen nach einem internationalen Konsens, beispielsweise: Wie kann man die Privatsphäre gesetzestreuer Menschen und Gruppen wahren ohne die für Sicherheit und Gesetzesanwendung zuständigen Personen an der Ausübung ihrer Kontrolle über Straftäter und Terroristen zu hindern? Wie kann man Urheberrechte und Rechte über das geistige Eigentum schützen, ohne den Zugang zu den im Gemeingut befindlichen Materialien zu beschränken, und wie ist der Begriff „Gemeingut“ überhaupt zu definieren? Wie kann man auf breiter Basis Internet-Speicher mit Informationen, die für alle Internet-Nutzer in vielen Sprachen unentgeltlich zugänglich sind, einrichten und aufrechterhalten?

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