Rückzugsgefecht gegen die Welt

Daß der europäische Gerichtshof für Menschenrechte gegen Kreuze in italienischen Schulen entschieden hat, ist bekannt. Die unvermeidbaren Reaktionen folgten, gerne von Bischöfen. Der einhellige Tenor: So nicht. Vorhersehbar, aber kurzsichtig.

Die Argumente gegen das Urteil: Das Kreuz sei kulturelles Symbol, der christliche Glaube Wertfundament Europas, die Entscheidung sei undemokratisch, ein Ausdruck falschen Verständnisses von Religionsfreiheit. Keines dieser Argumente kann überzeugen; ein bloßes Rückzugsgefecht gegen die Welt – und ein intellektuelles Armutszeugnis unserer Bischöfe.
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Schule auf Taufschein

Der SPon-Artikel Staatliche Bekenntnisschulen: Andersgläubige müssen draußen bleiben zieht weite Kreise. Die Reaktionen sind einhellig entsetzt. Zurecht: Früher war dafür der Streit zwischen Kirche und Staat um die Oberhoheit über die Erziehung verantwortlich, heute hält man so Migranten aus den Klassen.
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Spitzenbildung braucht Breitenbildung

Im aktuellen Krokant habe ich einen Artikel zum Thema Bildung geschrieben:

Während ich diesen Artikel schreibe, laufen in Stuttgart gerade die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und FDP. Für uns in der KjG ist besonders der Bildungsbereich interessant. Ergebnisse sind noch keine bekannt – man ahnt aber, wohin es gehen wird. Baden-Württemberg leistet Beeindruckendes: Vordere Plätze in Deutschland bei der PISAStudie, unter den zehn von der Deutschen Forschungsgemeinschaft ausgewählten möglichen Elite-Universitäten sind vier in Baden-Württemberg. Beide Regierungsparteien wollen weiterhin Eliten fördern.

Das ist der gute Teil. Über der Elitenförderung geraten aber andere Themen aus dem Blick: Welche »Eliten« werden eigentlich gefördert? Viele Studien haben gezeigt: Bildung wird in Deutschland quasi vererbt. Kinder von vergleichsweise reichen und gebildeten Eltern haben eine weit größere Chance auf Bildung und damit Teilhabe an der Gesellschaft. In Baden- Württemberg ist es besonders schlimm: nur in Bremen gibt es einen noch stärkeren Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildung; nirgendwo sonst hängt die Grundschulempfehlung so stark damit zusammen, ob ein Kind deutsche Eltern hat. Bildungsforscher sprechen von »Reproduktion«: Getrennte Bildungswege festigen die Abgrenzung zwischen verschiedenen Schichten: Die Arbeitertochter wird Arbeiterin, der Sohn der Professorin studiert. Der wichtigste Grund ist, daß schon nach der vierten Klasse sortiert wird: hier die zukünftigen Ärzte und Anwältinnen, dort die Fliesenlegerinnen und Friseure. Eine Gesamtschule ist keine Gleichmacherei, eine um wenige Jahre verlängerte gemeinsame Schulzeit erst recht nicht; Länder wie Finnland machen es vor. CDU und FDP wollen dennoch beide die dreigliedrige Schule beibehalten. Auch wenn immer wieder betont wird, daß damit jeder einzelne ideal nach seinen Fähigkeiten gefördert wird – es führt dazu, daß alle Bildungswege entwertet werden: Für Ausbildungen, bei denen früher ein Hauptschulabschluß genügte, wird heute ein Realschulabschluß verlangt, gleiches gilt für das Abitur. Die Hauptschule droht zur Restschule zu werden, an der sich nur die Verlierer des Systems sammeln.

Erste Ansätze wurden gemacht, um etwas zu ändern, etwa im Bereich der frühkindlichen Bildung – aber es gibt noch viel zu tun. Im Sport hat sich der Grundsatz »Spitzensport braucht Breitensport« durchgesetzt. Genauso muß es in der Bildung sein: Von einem Bildungssystem, das allen, egal welcher Herkunft, die gleichen Chancen anbietet, profitiert die ganze Gesellschaft. Baden-Württemberg kann es sich nicht leisten, auf Kinder von Migranten und Arbeitslosen an den Universitäten zu verzichten.

Daran muß sich die neue Landesregierung messen lassen: Nicht, wie viele Eliteunis es in Baden-Württemberg gibt, sondern welche Bildungschancen sie benachteiligten Kindern und Jugendlichen bietet.

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Corpora sana

Die Schulzeit war eigentlich doch die schönste Zeit – außer donnerstags in der neunten und zehnten Stunde. Da stand Sport auf dem Stundenplan (ein Fach, in dem ich im Abizeugnis 15 Punkte hatte – in der Summe). Wie ich zu Schulsport stehe, wissen die Elefanten unter den Lesern dieser kleinen Kolumne sicher noch – umso ungewöhnlicher ist es, daß ich eine Initiative zu mehr Schulsport gutheiße: Die Grünen forderten in Stuttgart, Sport ab 16 Jahren freiwillig anzubieten und die freiwerdenden Lehrer (die oft »Diplomsportlehrer« heißen, aber nichts Ordentliches gelernt haben) dann für die unteren Klassen zu verwenden. Bitter nötig: In meiner Gruppenstunde habe ich oft genug Kinder erlebt, die keinen Ball fangen können und gleichzeitig von ihrer zwei in Sport erzählen.

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Ein dreifach Hoch der Otto-Schaufler-Stiftung!

Die zeichnet nämlich jedes Jahr mit ihren Zinserträgen Karlsruher Hauptschüler aus, und so kann die Stadt glücklich vermelden:

Insgesamt erhalten zehn Schülerinnen und Schüler mit einem Notendurchschnitt von 1,3 bis 1,8 aus der Otto-Schaufler-Stiftung einen Scheck von je 24 Euro.

Prima! Das sind immerhin 4 Gramm!

Ansonsten möchte ich nochmal erwähnen, daß ich fest auf dem Boden der FdGO stehe.

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»Das deutsche Schulsystem …«

… taugt nichts. Zumindest der Informatik-Unterricht, wenn Lehrer (z. B. meiner) dazu gezwungen werden, Programmiersprachen zu lehren, von denen sie keine Ahnung haben (z. B. Java), und ergo einen suboptimalen Unterricht machen und zu einfache Arbeiten, denen Schüler ohne Vorkenntnisse trotzdem ausgeliefert sind — zum Glück gilt bei uns die Regel, daß alle Aufzeichnungen benutzt werden dürfen und auch das Internet. Daß das Betrug Tür und Tor öffnet, ist natürlich klar.

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Stellungnahme der SMV am St. Paulusheim Bruchsal zum Artikel »Elternbeirat will die Ferien kürzen« vom 17. 10. 2001

Sehr geehrte Damen und Herren,

in Ihrem Artikel vom 17. 10. 2001 berichten Sie von der Absicht des Landeselternbeirats, darauf hinzuwirken, Samstagsunterricht wiedereinzuführen und die Ferien zu verkürzen. Wir, die Schülermitverantwortung (SMV) des St. Paulusheims, bringen einige kritische Anmerkungen zu den Thesen der Landeselternbeiratsvorsitzenden Picker vor.

Picker kritisiert, drei Monate Ferien im Jahr seien »vor allem für Schüler der Oberstufe eindeutig zu viel«. Sie begründet diese Aussage damit, daß Schüler die Möglichkeit haben sollen, »die Lebenszeit vernünftiger zu gestalten«.

Wir verwahren uns gegen dieses Schülerbild: für Picker scheint eine sinnvoll gestaltete Lebenszeit in erster Linie in der Schule ihren Platz zu haben, wie sie überhaupt nur in der Schule Platz für das Lernen sieht.

Dieser Ansatz geht an der Realität vorbei. Es ist einfach, auf die bloße Wochenstundenanzahl von Schülern zu zeigen (in der gymnasialen Oberstufe um die 30 Wochenstunden) und damit eine zu geringe Auslastung zu begründen. Tatsächlich ist es damit noch lange nicht getan: Hausaufgaben und freies Üben machen aus dem scheinbar kleinen Pensum eine Belastung, die wir für durchaus mit der Arbeitsleistung eines erwachsenen Arbeitnehmers vergleichbar halten. Dazu kommt, daß ein Schüler im Gegensatz zum Arbeitnehmer ständig neue Anforderungen gestellt bekommt; einige Wochen bloßen »Dienstes nach Vorschrift« können sich schon verheerend auf die Leistungen auswirken. In der Praxis hat ein Schüler also keine Fünftagewoche, muß doch oftmals auch das Wochenende zur Vor- und Nachbereitung des Unterrichtes eingesetzt werden. Ein denkbares Gegenargument wäre, daß durch zusätzlichen Samstagsunterricht und kürzere Ferien diese Situation entspannt würde, was gerade in Hinblick auf die Anzahl der Klassenarbeiten – bereits in der Mittelstufe bis zu drei pro Woche – sehr plausibel erscheint. Dieser Vorteil allerdings wird in unseren Augen durch mangelndes Eingehen auf den einzelnen Schüler zunichte gemacht: bei Klassenstärken von 25–30 Schülern ist es nicht möglich, jeden einzelnen Schüler optimal zu unterstützen; trotz vielen Verbesserungen pädagogischer Methoden ist der meiste Unterricht noch immer der klassische Lehrervortrag. Auf individuelle Schwächen und Stärken kann im Unterricht praktisch nur auf Kosten anderer Schüler besonders eingegangen werden; im derzeitigen System muß jeder Schüler eigenverantwortlich arbeiten, um einen optimalen Abschluß zu erreichen.

Das scheint uns kein Zustand zu sein, den es zu ändern gilt: gerade in Hinblick auf ein späteres Studium ist es sogar erwünscht, eigenverantwortliche Arbeit zu fördern. Ein Zuviel an Schule wirkt dem radikal entgegen: es ist schwer, bei einem weit größeren Pflichtpensum die Motivation zu außerschulischer Arbeit zu erhalten. Wann sollen sich Schüler erholen? Ein Arbeitnehmer kann auf seine individuellen Bedürfnisse hin Urlaub nehmen – ein Modell, das für die Schule aus offensichtlichen Gründen nicht anwendbar ist: ein weiterer Grund, warum Schüler – scheinbar – soviel Ferien haben. Die im Artikel angesprochenen sechswöchigen Arbeitszeiten zwischen Ferienperioden scheinen in der Tat kontinuierliches Arbeiten schwer zu machen; wir halten es aber nicht möglich, über eine viel längere Zeit kontinuierlich Motivation aufrecht zu erhalten.

Eine weitere Gefahr sehen wir in einer großzügigen Ausweitung des Unterrichts: ehrenamtliches Engagement. Bereits jetzt klagen viele Vereine über mangelnden Nachwuchs. Wir halten Vereine und Verbände für ein wesentliches Element in unserer Gesellschaft und halten es für fatal, wenn Jugendlichen noch weniger Zeit für eine Mitgestaltung des Vereinslebens gegeben wird. In unserem gegliederten Schulsystem ist es besonders wichtig, daß Schülern die Möglichkeit gegeben wird, über die Schule hinaus soziale Kontakte zu knüpfen. Der ideale Ort dafür ist die Freizeit und hier besonders der Verein.

All diese Argumente gegen Pickers Thesen scheinen uns einleuchtend und aus unserer Sicht als Schüler gerechtfertigt. Wir sehen auch, daß in einem kurzen Artikel kein Raum für Picker war, ihre Sicht der Dinge ausführlich zu schildern, und wünschen uns daher eine vertiefende Stellungnahme ihrerseits. Bei unserem gegenwärtigen Wissensstand scheinen uns allerdings die Forderungen des Landeselternbeirats wenig stichhaltig.

Für die SMV des St. Paulusheims:

Felix Neumann

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