Alles eins

Ich kann diese Relativismus-Kacke nicht mehr hören; Geschmäcker seien verschieden, jedem Tierchen seine Façon, Kunst im Auge des Betrachters. Das alles ist bestenfalls die halbe Wahrheit: Das Schöne, Kunst, Ästhetik – das Positive ist in der Tat nicht zu werten und zu hierarchisieren. Klar, eindeutig, absolut und indiskutabel dagegen ist das Häßliche, der Kitsch, Schund. Wer dies bezweifelt, möge zur Weihnachtszeit die Dekoration eines sog. »gutbürgerlichen« Restaurants betrachten. Sapienti sat. (Auf der Liste der potentiellen Promotionsvorhaben: Gutbürgerlichkeit und Faschismus. Über die positive Korrelation von NSDAP-Wähleranteil und Mayonnaiseanteil im Kartoffelsalat)

Mein Vater war ein Höhlenmann, und mir steckt's auch im Blut

Der Spiegel überrascht mit seinem Weihnachtstitelthema: Kreationismus. Etwas enttäuschend, wie ich finde. Bis jetzt tat sich eben diese Publikation immer mit zwar polemischen, dafür aber unfundierten Religionsthemen hervor, und plötzlich gibt’s keinen völlig undifferenzierten Rundumschlag mehr. Online liest man folgendes:

Doch ein allgemeines Unbehagen angesichts des Triumphzugs der Genome bleibt. Katholiken und Protestanten betonen gern die ethischen Probleme, die damit verbunden sind. Die Skepsis ist überall die Gleiche, denn es geht ans Eingemachte: Wenn alle Geheimnisse des Menschseins ausgeplaudert und in Datenlisten gespeichert und auf Reagenzgläser verteilt sind, dann ist Gott bald so überflüssig wie ein Schreiber mit Federkiel in einer High-Tech-Druckerei. Um die Welt der Biologen zu erklären, braucht ihn kein Mensch mehr.

Mit diesem seltsam zwischen Trotzdem-glauben-Wollen und Unfähigkeit, dem unreflektiertem Naturalismus etwas entgegenzusetzen, pendelndem Artikel wird der Sache ein Bärendienst geleistet. Und zwar nicht nur dem Glauben, sondern auch der Wissenschaft. Die Arkandisziplin Biologie wird verabsolutiert, der naturalistische Fehlschluß feiert fröhliche Urständ, der ontologische Vorrang der Seinsfrage ist auch nur hingeheideggert, und Wissenschaftstheorie hat ausgepoppert. (Wie es anders geht, zeigt der Jesuit Christian Kummer heuer in den Stimmen der Zeit.)

Ratisbona

Die Debatte um die Regensburger Nichtmehrräterepublik schwappt hin und her. (Nicht immer) klammheimliche Freude hier, namenloses Entsetzen auf der anderen. Ich selbst kann mich nicht übermäßig aufregen.

Warum auch?

Lupenreine Symbolpolitik, die bei genau den gewünschten Lagern die genau gewünschte Reaktion hervorruft. Wenn der Diözesanrat ähnlich viel zu bestimmen hatte wie der hiesige (dem ich angehöre), geht den Laien kaum wirkliche Macht verloren. Der einzige, der etwas verliert, ist der Bischof: nämlich eine ziemlich direkte Verbindung zu dem, was die Leute konkret beschäftigt – der Verzicht auf Beratung ist aber das gute Recht eines jeden.

Im Ghetto

Um nur fünf Minuten habe ich die Straßenbahn nach Karlsruhe verpaßt, und so mußte ich fast eine Stunde auf dem Heilbronner Hauptbahnhof verbringen, an einem Samstagabend.

Kaum hatte ich mich in der Bahnhofshalle hingesetzt, torkelte ein Betrunkener auf mich zu, setzte sich zu mir, packte eine Flasche Bier aus, öffnete sie mit den Zähnen und bot sie mir an. Ich konnte mich irgendwann doch nicht mehr entziehen, nahm einen Schluck, und dann unterhielten wir uns.

Und zwar auf Englisch. Der Kroate (als der er sich im Laufe des Gesprächs herausstellte) war nämlich fest davon überzeugt, daß ich Engländer sei. Und so fragte er mich über die Bezugsmöglichkeiten von Drogen in England aus. Hier in Deutschland sei das ja alles schwieriger, er habe fünf Jahre in Amsterdam gelebt, dort kommt man viel besser an Stoff. Und außerdem: »In Germany all Nazzis.« (sic!)

Mühsam überzeugt ich ihn, daß ich erstens Deutscher sei (und damit nichts über den englischen Drogenmarkt wisse), zweitens deshalb »no Nazzi« und drittens wir uns ja auf Deutsch unterhalten könnten.

Haben wir dann auch getan (mitterweile hatte ich seine jugendlichen Freunde, die alle sehr nach Bande aussahen, kennengelernt, und wider Erwarten für sehr höflich befunden); ungläubig: ob denn wenigstens meine Mutter aus England sei. Nein. Woher dann? Nähe Karlsruhe. Und mein Vater? Dito. Und ich? Dito, jedoch derzeit Freiburg. Ob ich damit allein wohne? Ja. Allein wohnen nicht gut. Familie wichtig. Und warum er dann hier in Heilbronn und nicht in Kroatien sei? »My mother kill me.« Aber ich wohne allein? Immer noch. Ob ich denn nicht einsam sei? Eigentlich nicht. Und wenn doch, wisse er, wo es hier in Heilbronn Frauen gebe. Billig.

Es folgen Auslassungen über die rassistischen (eben für ihn nicht:) Arbeitgeber in Deutschland, daß er wieder zu seinem Bruder nach Holland ziehen würde, und schließlich suche ich ihm heraus, wo sein Zug fährt (was er herauszufinden nicht mehr in der Lage war). Kurz vor der Abfahrt: Ob ich denn nicht bei ihm übernachten wolle. Er habe noch Schnaps und das mit den Nutten könne man ja auch wieder aufgreifen.

Ich lehne nach eher kurzer Bedenkzeit ab und setze mich wieder zurück. Dort sind mittlerweile zwei Jugendliche. Kurze Haare, Armeehosen. Ich packe meine Lektüre aus (Rawls, Theorie der Gerechtigkeit). Man beugt sich rüber (Suhrkamp, fällt mir da ein, ist ja eigentlich fast schon so gefährlich in dieser Situation wie ein Antifa-Aufnäher). »Was liest der da?« – »Irgendwas mit Gerechtigkeit.« Ich zeige den beiden den Titel. »Glauben Sie an Gerechtigkeit?« Was soll man da sagen, ich maneuvriere mich drumrum. Incipit der eine: »Ich glaube eher an die Unschuld einer Hure/Als an die Gerechtigkeit der deutschen Justiz« (übrigens ein Slime-Zitat; ich glaube aber kaum, daß die beiden Klientel von Slime sind.)

Endlich: die Straßenbahn.

Great minds think alike

Nicht das Vielwissen sättigt und befriedigt die Seele, sondern das Verspüren und Verkosten der Dinge von innen her. (Ignatius v. Loyola)

Die Zugangs- und Auslegungsart muß vielmehr dergestalt gewählt sein, daß dieses Seiende sich an ihm selbst von ihm selbst her zeigen kann. Und zwar soll sie das Seiende in dem zeigen, wie es zunächst und zumeist ist, in seiner durchschnittlichen Alltäglichkeit. (Martin Heidegger)

Wissenschaftliche Elite

Noch vor kurzem witzelte ich über »Heidegger ∧ ¬ Heidegger« – und dieser Tage wird ein Vortrag »Über das Gegenteil« annonciert. Was wäre das für eine Vortragsreihe gewesen …

Überhaupt: Das billige Wortspiel. Allein dafür und zu diesem Ende studieren wir Philosophie. »Laches und Sach-Geschichten mit der νοῦς und dem Ontofanten«, der Schnelle Teller in der Mensa (»Schnitzler mit Hobbes hesiod-weiß«). Wird fortgesetzt. Fortwährend.

Juchezen will be permitted during the Einzelpreisplattler

Ich liebe Vereinssatzungen. Eine der schönsten habe ich beim Gauverband Nordamerika gefunden: die Bylaws, Rules & Guidelines of the Gauverband Nordamerika. Wo deutsche Gründlichkeit amerikanische Rechtstradition trifft, findet man dann neben den »Preisplatteln Rules« die Vergabeordnung für den »Meistpreis«, den »Weitpreis« und natürlich den »Wanderpreis of Bavaria«, wo man Perlen wie diese Bestimmung findet:

This trophy can only be awarded to a member Verein of the Gauverband in good standing who enters Preisplatteln. The awarding of this Wanderpreis shall be to the Verein coming in first place in the Preisplattler competition.

Klassengesellschaft

Zu den interessantesten Gebieten der Soziologie gehört meines Erachtens die Richtung, die sich mit der Etikette auf dem Dorfe beschäftigt, insbesondere der feinziserlierten Theorie der Anrede.

Diese Woche wurde in unserem Pfarrblatt den Firmkatecheten gedankt. Dabei gibt es anscheinend drei Klassen:

  1. Personen sui iuris, die das Privileg haben, Frau oder Herr N.N. zu sein.
  2. Personen sui iuris partialiter, die zwar (noch) nicht das Epitheton ornans »Frau« oder »Mann« haben, dafür einen Vornamen.
  3. Personen sine iure, die nur als Anhängsel ihrer Eltern vorkommen: Frau N.N. und Tochter N.

(Meine Schwester ist zum Beispiel Klasse 2, und dann gibt es noch den interessanten Fall einer Dame, die per Klasse 1 angesprochen wird, deren Tochter per Klasse 3 erwähnt wird, deren Sohn es jedoch immerhin zu Klasse 2 gebracht hat.)