Stockholm. »Pinter, Potter, Hauptsache England«, bedauert Horace Engdahl, 56, der Vorsitzende der Schwedischen Akademie, die Verwechselung, die den britischen Schmierenkomödianten Harold Pinter zum Literatur-Nobelpreisträger gemacht hat. Pinter, der in grauer Vergangenheit mit Baumarkt-Dramen wie »The Room« und »The Caretaker« (1999 verfilmt mit Tom Gerhardt) leidlich bekannt wurde, habe den Nobelpreis zusammen mit seiner Frau mit Champagner begossen. Grund für die Verwechslung war eine schlampig ausgefüllte Überweisung. Ein Sprecher des britischen Verlages Bloomsbury zeigte sich verärgert: »Der zuständige Praktikant wurde entlassen. Aber hochkantig.«
Autor: Felix Neumann
Tempora mutantur,/et nos mutamur in illis
Von meinem Großvater (GOtt hab ihn selig) habe ich Wichtiges gelernt: »En Bu hod imma ä Messar em Sack«, mit Prometheus und Ringelnatz wird daraus die klassische Trias »Messer, Feuer, Schnur«.
Wie die Zeiten sich ändern: »Messer, USB-Stick, Füller« ist heute aktuell. (Zumindest bei mir.)
Sozialkapital
Daß Religion für den Zusammenhalt der Gesellschaft wichtig ist (neumodisch heißt das »spiritual capital«), galt lange als gesichert, und keine Sonntagsrede (auch meine nicht) kommt ohne den alten Böckenförde aus.
Im aktuellen Journal of Religion and Society allerdings wird versucht, diese These zu widerlegen. Cross-National Correlations of Quantifiable Societal Health with Popular Religiosity and Secularism in the Prosperous Democracies nennt Gregory S. Paul seinen Artikel.
Ohne die empirischen Daten überprüft zu haben, sehe ich da einiges Potential für Kritik:
- Der Autor versteht mal wieder Kardinal Schönborn falsch, der eben nicht die Evolution anzweifelt und Redneck-Hillbilly-Kreationismus predigt, sondern nur das sagt, was selbstverständlich allen (?) Christen gemeinsames Glaubensgut ist: Gott hat die Welt erschaffen. Was danach technisch passierte und wie, darüber muß die Bibel gar keine Aussage machen. Deshalb alle Christen unter das pejorative Label »Kreationist« zu packen (cf. dort Fußnote 1), mag technisch zulässig sein, wirft aber ein eindeutiges Licht auf die Vorurteile des Autors – auch unter Christen ist der methodische Atheismus als notwendig akzeptierte Forschungsgrundlage unumstritten.
- Im wesentlichen scheint es darum zu gehen, zu belegen, daß die USA eben nicht die leuchtende Stadt auf dem Hügel ist – ein ehrenwertes Ziel: man kann nur jeden darin bestätigen, der den Evangelikalen die Bigotterie vorhält, für die Todesstrafe (am besten noch bei Minderjährigen und geistig Behinderten), Abtreibungsgegner (am besten noch mit Anschlägen auf Abtreibungskliniken) und NRA-Mitglied zu sein. Den desolaten Zustand der amerikanischen Gesellschaft (den der Autor unter anderem mit Mord- und Selbstmordraten operationalisiert) aber auf die Religiosität dort zu beziehen, scheint mir bestenfalls gewagt. Es wird zwar selbstkritisch auf kompliziertere Funktionen verzichtet, um die Korrelation nachzuweisen, als Gegenprobe hätte man sich aber doch noch angeboten, die Sozialsysteme den Indikatoren für die desolate Gesellschaft gegenüberzustellen.
- In armen und wirtschaftlich weniger entwickelten Ländern gibt es stärkeren Glauben. Folgerung: Wer weniger gläubig ist, ist wirtschaftlich erfolgreicher. Der ursächliche Zusammenhang wird nicht bewiesen (daß die USA ohnehin ein Sonderfall ist, wird immer wieder betont). Wenn überhaupt, dann andersrum (eine Behauptung, die ich natürlich ebenso wenig hier belege): Je saturierter eine Gesellschaft ist, desto mehr verdrängt sie, daß nicht alles technisch lösbar ist. (Und desto hilfloser steht sie den menschlichen Konstanten gegenüber, die sie, da unbeherrschbar, verdrängt. Gibt es in den Entwicklungsländern Sterbehilfevereine?) Mt 19,23 ist eben mehr als Müntefering für Christen, sondern eine im Grunde traurige soziologische Wahrheit.
Gender Mainstreaming
Ich habe einen Studienteil mit der Referentin für Geschlechtergerechtigkeit unseres Bundesverbandes zum Thema Gender Mainstreaming besucht, und das erste Mal habe ich den Eindruck, daß das Konzept sogar etwas taugen könnte, sogar diesen elenden Schwanz-ab-Feminismus der 70er abschaffen könnte. Das Problem ist nur, daß sich alle Leute »Gender Mainstreaming« auf die Fahnen schreiben und trotzdem genau die Arbeit machen, die sie vorher schon gemacht haben und sie das nun eben nicht mehr Frauen- und Männerarbeit (oder gar -förderung) nennen, sondern eben GM.
Der Ansatz, sich explizit überall anzuschauen (und eben nicht nur in speziellen Männer- und Frauen-Biotopen), wie Geschlechtergerechtigkeit verwirklicht wird und dabei zu versuchen zu verstehen, woran es liegt und ob und wie man eine Verbesserung der Situation erreichen kann (und ob das überhaupt notwendig ist), ist aber leider viel zu vernünftig und zu undogmatisch, um je eine Chance in Gremien zu bekommen, in denen bisher schon die Bereitschaft besteht, Geschlechtergerechtigkeit zu schaffen – und in anderen sowieso nicht. (Andererseits: Gerade eine Kanzlerin Merkel wäre die ideale Person, um in ihrem Kabinett mal wirklich was zu bewegen. So wie Reformen der Sozialsysteme von der Linken kommen müßte, weil die Rechte sie nie durchsetzen könnte, müßten Initiativen zur Liberalisierung der Gesellschaft von der bürgerlichen Rechten kommen.)
Liebe Wählerinnen und Wähler!
Auch der politische Gegner kann es jetzt nicht mehr leugnen: Der Wählerwille ist eindeutig. Es gibt in diesem unserem Land eine Mehrheit diesseits der Mitte. Damit haben wir gezeigt, daß unsere Konzepte zur sozialen Sicherung und zur gerechten Gestaltung des Steuersystems ein Ausweg sind. Heraus aus dem ständigen bergab, das unser Gegner mit seiner verhängnisvollen Politik in den letzten Jahren mit Blockade und Verschleppungstaktik provoziert hat.
So kann das, ich betone das in aller Deutlichkeit, nicht weitergehen — und mit uns wird das auch grundlegend anders. Dieses Wahlergebnis hat gezeigt: das Volk will uns. Und nicht diese abgetakelten Leichtmatrosen. Und das Wahlergebnis hat noch etwas gezeigt: diese Herren sind Vergangenheit; der politische Gegner wurde völlig zurecht abgestraft. Und das ist es, was wir unseren Wählern schuldig sind: die konzentrierte Beibehaltung unseres Wahlprogramms als Kernstück eines zukunftweisenden Parteiprogramms: Wir sind eine Partei, weil wir eine Partei sein wollen!
Auch die wirtschaftliche Entwicklung hat sich in keiner Weise, das kann auch von unseren Gegnern nicht bestritten werden, ohne zu verkennen, daß in Brüssel, in London die Ansicht herrscht, die Regierung der Bundesrepublik habe da und meine Damen und Herren, warum auch nicht?
Eins steht doch fest, und darüber gibt es keinen Zweifel, wer das vergißt hat den Auftrag des Wählers nicht verstanden: wir haben gewonnen und die haben verloren und das ist auch gut so, meine Damen und Herren.
St. Bürokratius
Klagelied eines Angestellten: Die Firma sei mit dem Anliegen gestartet, möglichst wenig Bürokratie zu betreiben, und jetzt betreibt sie die Bürokratie in lähmenden Exzessen.
Das wundert mich überhaupt nicht: Der Ansatz, möglichst wenig Bürokratie (im Sinne von Verwaltung) zu haben, beruht auf der völlig falschen Annahme: Verwaltung ist böse. Das Gegenteil ist wahr: Ohne effektive Verwaltung läuft gar nichts. Deshalb ärgert es mich auch immer wieder, wenn Leute bei Spenden darauf bestehen, daß das Geld nicht für Verwaltung verwendet wird.
»Möglichst wenig Bürokratie« ist der gleiche Ansatz wie »Möglichst wenig Räder am Auto« – natürlich kann man alle abmontieren, aber dann bleibt das Auto eben stehen. Das ist übrigens der gleiche Denkfehler, der dem deutschen Verbandskatholizismus Funktionärschristentum vorwirft: wir in den Verbänden sehen zwar die Vision eines Reiches Gottes, auf dessen Verwirklichung wir mit unserer Arbeit hinarbeiten – wir sehen aber auch, daß es für diese Arbeit auch Martha braucht. Aber am meisten frage ich mich, wie jemand den Verbänden solche Vorwürfe machen kann, der selbst die Amtshierarchie aus dem Effeff kennt.
Klagelied eines Angestellten: Die Firma sei mit dem Anliegen gestartet, möglichst wenig Bürokratie zu betreiben, und jetzt betreibt sie die Bürokratie in lähmenden Exzessen.
Das wundert mich überhaupt nicht: Der Ansatz, möglichst wenig Bürokratie (im Sinne von Verwaltung) zu haben, beruht auf der völlig falschen Annahme: Verwaltung ist böse. Das Gegenteil ist wahr: Ohne effektive Verwaltung läuft gar nichts. Deshalb ärgert es mich auch immer wieder, wenn Leute bei Spenden darauf bestehen, daß das Geld nicht für Verwaltung verwendet wird.
»Möglichst wenig Bürokratie« ist der gleiche Ansatz wie »Möglichst wenig Räder am Auto« – natürlich kann man alle abmontieren, aber dann bleibt das Auto eben stehen. Das ist übrigens der gleiche Denkfehler, der dem deutschen Verbandskatholizismus Funktionärschristentum vorwirft: wir in den Verbänden sehen zwar die Vision eines Reiches Gottes, auf dessen Verwirklichung wir mit unserer Arbeit hinarbeiten – wir sehen aber auch, daß es für diese Arbeit auch Martha braucht. Aber am meisten frage ich mich, wie jemand den Verbänden solche Vorwürfe machen kann, der selbst die Amtshierarchie aus dem Effeff kennt.
Wunderwelt Weltnetz
Man sagt ja, daß das Amt des Papstes doch recht anstrengend sei – aber daß es so schnell geht?
Bei eBay jedenfalls findet sich eine Auktion mit dem Titel P 06.05 [korrekt wäre wohl »P 265«] Papst Benedikt XVI. – leer –[aber immerhin:] superZustand !
Bei näherem Hinsehen geht es aber doch nur um eine Telephonkarte. Ich bin erleichtert. Auch nicht schlecht (und gleich bestellt): Papst-Benedikt-Projektionslampe
Das unentdeckte Land, die Zukunft
Herr Wasner hat geschafft, was viele andere nicht geschafft haben: Hier bricht die Zukunft aus.
Und zwar in Gestalt eines RSS-Feeds. Das heißt jetzt natürlich nicht, daß es etwa täglich Neues geben würde oder daß ich gar die bewährte Editionspraxis (eine Weile nichts hochladen, danach einen Stapel auf einmal) wesentlich ändern würde, geschweige denn, daß eine ordentliche Software installiert wäre – alles wird hier von einem provisorisch zusammengeschriebenen Skript gemacht.
Aber immerhin: RSS tut, und jeder Beitrag ist jetzt verlinkbar.
Le roi est mort
Vor anderthalb Jahren habe ich mich in diesem Medium recht desillusioniert über die Institution Bundespräsident ausgelassen. Diesen Artikel hat Herr Wasner von der Arbeitsgemeinschaft für katholische Medien- und Konzeptarbeit rzmedia heuer zitiert; ohne Angabe eines Datums.
Dazu stelle ich fest:
Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?
Die Amtsführung des geschätzten Herrn Köhlers hat wieder einmal gezeigt, daß gerade unser semimonarchistisches Staatsoberhaupt dieses halbabsolute Schweben über der Tagespolitik braucht, und vor allem, daß gerade so die scheinbar willigen Vollstrecker ihrer sie schöpfenden Meister wider den Stachel löcken können. (Und das sage ich nicht nur aus bekannten Gründen.)
Man stelle sich vor, stattdessen wäre irgendein parteiischer, womöglich gar tagespolitisch Involvierter, Staatsoberhaupt, wie es – notwendig! – der Bundestagspräsident ist! Nicht auszudenken. Autorität braucht Freiheit.
In Sachen Kinderwahlrecht (auch hier wurde mein – genau – anderthalb Jahre alter Artikel zitiert) gilt klar: Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.
Mehr noch: Rousseaus fast transzendente Sicht der Volkssouveränität muß heute einer säkularen weichen, so daß aus diesem Grund der Grundsatz der Allgemeinheit der Wahl nur quantitativ, nicht qualitativ begründet werden kann. Das Wahlrecht hat einen Mischcharakter; es changiert zwischen individualistischer (das Wahlrecht als Menschenrecht) und ganzheitlicher (das Wahlrecht als vom Staat gewährtes Privileg) Interpretation, wobei jedoch sowohl die historische Entwicklung als auch die Neuinterpretation der Volkssouveränität immer weiter die individualistische Sicht nahelegen. Beschränkungen des Wahlrechts müssen daher grundsätzlich individuell begründet werden und dürfen bestenfalls Ausnahmeerscheinungen sein.
Weiter: Ein demokratischer Staat muß die Reife seiner – aller! – Bürger annehmen und das Wahlrecht wirklich allgemein zur Verfügung stellen. »Die Anerkennung des einzelnen als Person ist die Grundlage aller Rechtsverhältnisse. Durch diese Anerkennung wird aber der einzelne Mitglied des Volkes in dessen subjektiver Qualität«, schreibt Jellinek, und »während Art. 3 I jede sachlich begründete Ungleichbehandlung zuläßt, liegt es gerade im Wesen der Demokratie, daß sie – wenigstens für das Wahlrecht – nur Staatsbürger kennt«, assistieren Maunz und Düring.
Unendliche Datenbank
Ohne das Internet wüßten wir nur halb soviel (dafür wäre die signal-to-noise ratio in Sachen Wissen deutlich besser); dennoch: die On-Line Encyclopedia of Integer Sequences ist wenigstens offensichtlich eher weniger sinnvoll und versteigt sich nicht in das prätentiöse Gehabe des Enzyklopädisten manqué:
Since the mid-1960’s Neil Sloane has been collecting integer sequences from every possible source. His goal is to have all interesting number sequences in the table.
Allerdings: Wirklich alle? Als mittlerweile logisch geschulter Philosoph denkt man dabei doch (wg. bekanntem und daher nicht weiter auszuführenden Beweis) gleich an die Vergeblichkeit wg. Unendlichkeit dieses Projektes.
Und selbst wenn man dann noch die bestehende Datenbank z. B. mittels Cantor unendlich groß macht: Gödel.